Sehr geehrte Damen und Herren,
wie Sie sicherlich wissen, wurden bei Bodenuntersuchungen für den geplanten Erweiterungsbau auf dem Messegelände der Westfalenhallen Überreste des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Stalag VI D gefunden.
Bislang konnten die Fundamente von vier Baracken nachgewiesen werden. Außerdem wurden in einem Bombentrichter persönliche Gegenstände der Gefangenen gefunden, darunter Schuhe, Löffel und andere Alltagsgegenstände.
Diese Funde erinnern daran, dass die Westfalenhalle nicht nur ein Ort für Sport, Messen und Konzerte ist, sondern auch eine dunkle Geschichte hat. Von 1939 bis 1945 durchliefen mehrere Hunderttausend Kriegsgefangene das Stalag VI D. Im Herbst 1944 waren dem Lager fast 78.000 Männer zugewiesen, von denen die meisten in mehr als 300 Arbeitskommandos in ganz Westfalen Zwangsarbeit leisten mussten. Zu den größten Gruppen gehörten Kriegsgefangene aus Frankreich und der Sowjetunion sowie italienische Militärinternierte.
Während französische Kriegsgefangene unter dem Schutz der Genfer Konvention standen, blieb dies den italienischen Militärinternierten verwehrt. Sie galten als Verräter und waren einer harten Behandlung ausgesetzt.
Besonders schwer war auch das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen, die aus allen 15 Sowjetrepubliken stammten, ein Großteil aus der Ukraine. Ihnen wurden die Rechte der Genfer Konvention aus rassistischen Gründen verweigert, sie galten als Untermenschen. Viele starben an Hunger, Krankheiten und den Folgen der Zwangsarbeit und wurden namenlos auf dem Internationalen Friedhof begraben.
Die aktuellen Ausgrabungen machen deutlich, wie wichtig eine sorgfältige Aufarbeitung dieser Geschichte ist. Deshalb müssen die archäologischen Untersuchungen mit der notwendigen Sorgfalt durchgeführt werden und ausreichend Zeit erhalten.
Die Stadt Dortmund als Eigentümerin der Westfalenhalle und des Messegeländes muss auch Verantwortung für diesen Teil ihrer Geschichte übernehmen. Ein Erinnerungsort am historischen Ort könnte dazu beitragen, das Schicksal der Gefangenen sichtbar zu machen, die Erinnerung an ihr Leid dauerhaft wachzuhalten sowie für die Lehren aus der Geschichte zu wirken.
An dieser Stelle weisen wir auf unsere jährlichen Gedenk- und Mahnveranstaltungen an dem Gedenkstein – nahe der B1-Fußgängerbrücke – hin, die immer auch schon die Forderungen beinhalteten, über das reine Gedenken hinaus einen Ort der Erinnerung zu schaffen, der die Auseinandersetzung mit diesem Teil der Geschichte ermöglicht und weitere Informationen beinhaltet.
Sehr geehrte Damen und Herren,
wir sehen nun die Chance, die Weiterentwicklung der Westfalenhallen mit der unbestrittenen Erweiterung des Messe- und Kongresszentrums und eine würdige Erinnerungskultur miteinander zu verbinden.
Deshalb bitten wir Sie, dieses Vorhaben zu unterstützen und sich für eine sorgfältige Aufarbeitung der Funde sowie für die Schaffung eines angemessenen Erinnerungsortes am ehemaligen Stalag VI D einzusetzen.
Unsere Vereinigung hat große Erfahrungen in der Erinnerungsarbeit. Wir bieten unsere Mithilfe bei der Erarbeitung einer entsprechenden Konzeption an.
Mit freundlichen Grüßen
Georg Deventer
Vorsitzender
Dortmund, 20. Juni 2026