Die Rede von Bürgermeisterin Birgit Jörder, Karfreitag 2010

Sehr geehrte Frau Marschefski,
sehr geehrter Herr Chaize,
sehr geehrter Herr Delarue,
liebe Freunde und Gäste aus dem In- und Ausland,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

fünfundsechzig Jahre nach den Gräueltaten der Gestapo und der SS gedenken wir heute der dreihundert ermordeten Männer und Frauen. Ihr Tod war grausam und sinnlos. Kurz vor Kriegsende zeigten der Nationalsozialismus und diejenigen, die in seinem Sinne handelten, noch einmal ihre wahren, abscheulichen Gesichter. Menschen wurden damals gefoltert und ermordet, Familien wurden zerstört.

Leider wurden die Mörder für ihre Taten nur sehr unzureichend bestraft. Sie hatten unendliches Leid verursacht, und doch musste sich nur ein Teil der Täter dafür vor Gericht verantworten. Nach heutigen Maßstäben gemessen, fielen die Strafen recht milde aus; wegen Mordes wurde jedenfalls keiner verurteilt. Ich finde den Gedanken, dass die Mörder den Krieg überlebten und die meisten danach als scheinbar „normale“ Bürger ein unbehelligtes Leben führten, nur schwer erträglich. Die Toten und deren Angehörige wurden durch diese Vorgänge, nach meiner Meinung, erneut zu Opfern gemacht.

Dieser Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte ist für mich ein Makel, den wir heute leider nicht mehr ungeschehen machen können. Und so sehr ich entsprechende Strafprozesse, wie jetzt in Aachen gegen den ehemaligen SS-Mann Boere, gutheiße, so kommen sie eigentlich viel zu spät. Heute jedoch, an diesem Gedenktag, können wir den Opfern des Nationalsozialismus, den Getöteten, den Verschleppten und den Gefolterten, durch unser Erinnern und unser Versprechen, alles dafür zu tun, dass sich ein solches Unrecht nicht wiederholen wird, ein Stück Gerechtigkeit verschaffen.

Deshalb ist das Karfreitaggedenken hier am Mahnmal in der Bittermark für mich kein bloßes Ritual. Es ist mir ein persönliches Anliegen, und ich bin jedes Mal sehr berührt, wenn ich Menschen begrüßen darf, die damals selbst Opfer von Zwangsdeportationen waren oder deren Angehörige hier ermordet wurden. Für mich ist deren Teilnahme an der Gedenkveranstaltung nach den Verbrechen, die hier begangen wurden, nicht selbstverständlich. Und schon gar nicht selbstverständlich ist es, dass diese Menschen uns Deutschen die Hand zur Versöhnung gereicht haben.

Der Ehrenpräsident des Verbandes der französischen Zwangs- und Arbeitsdeportierten, Herr Jean-Louis Forest, hat diese große Geste einst treffend in die Worte: „Niemals vergessen – Freundschaft!“ gekleidet. Ich werte es als einen besonderen Ausdruck dieser festen Freundschaft zwischen unseren Nationen, dass Herr Delarue als Vertreter der französischen Regierung heute extra aus Paris angereist ist, um uns und der Gedenkfeier die Ehre zu geben.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, vor fünfzig Jahren wurde das Mahnmal in der Bittermark eingeweiht, und so scheint mir heute der richtige Zeitpunkt zu sein, einige ganz besondere Menschen zu würdigen. Die Mehrheit unserer heute anwesenden französischen Gäste war damals vor 65 Jahren selbst Opfer von nationalsozialistischer Verschleppung und Zwangsdeportation.Sie haben diese Gräueltaten glücklicherweise überlebt und sind seit fünfzig Jahren stets zu uns in die Bittermark gekommen, um ihrer ermordeten Kameradinnen und Kameraden zu gedenken. Im Laufe der Jahre sind durch diesen Kontakt viele Freundschaften entstanden. Freundschaften, die maßgeblich zu einer Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland beigetragen haben. Dafür danke ich unseren französischen Gästen aus vollem Herzen, denn sie haben uns gezeigt, wie man die eben zitierten Worte von Jean-Louis Forest leben kann.

Gisa Marschefski, meine sehr geehrten Damen und Herren, hat bei dem Massaker vor fünfundsechzig Jahren ihren Vater und ihren Onkel verloren. Seit der Einweihung des Mahnmals hat sie nicht nur an jeder Gedenkveranstaltung teilgenommen, sondern zudem in ihrer Position als Generalsekretärin des Internationalen Rombergpark-Komitees in den ganzen Jahrzehnten viel dafür geleistet, die Verbrechen der Nationalsozialisten aufzuarbeiten und nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Engagierte Personen wie Gisa Marschefski haben sehr dazu beigetragen, dass Nationen und Volksgruppen, die unter der deutschen Nazi-Diktatur unvorstellbares Leid erfahren mussten, zur Versöhnung bereit waren. Für dieses Engagement gebührt ihr unser aller Dank und unsere Anerkennung.

Zuletzt möchte ich Wolfgang Asshoff meinen herzlichen Dank für fünfzig Jahre hervorragendes Engagement für das Karfreitaggedenken aussprechen. Seit 1960 betreut er unsere französischen Gäste, und seit mehreren Jahren moderiert er in ruhiger und besonnener Art die Gedenkveranstaltung. Es gibt immer Menschen, die eine solche Veranstaltung prägen. Wolfgang Asshoff hat einen großen Anteil daran, dass aus einer kleinen Gedenkstunde eine internationale Gedenkfeier wurde. Als Erbe hat er uns eine schöne und umfangreiche Dokumentation aller Karfreitaggedenken von 1945 bis 2009 vermacht. Auch dafür sage ich nochmals: „Danke, Wolfgang Asshoff!“

Dass dieser Einsatz von den eben Genannten und anderen verdienten Personen, die ich an dieser Stelle gar nicht alle aufzählen kann, nicht umsonst war, sondern Früchte trägt, zeigt mir die erneut große Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern an der heutigen Feier. Besonders freue ich mich darüber, dass sich mit den Schülerinnen und Schülern der Theodor-Heuss-Realschule, die ich ebenfalls herzlich begrüße, wieder junge Menschen mit dem Themen Nationalsozialismus und Rechtsradikalismus intensiv beschäftigt haben. Ich bin sehr gespannt auf ihre Darbietung, die das Ergebnis ihrer Auseinandersetzung mit diesem Themenfeld eindrucksvoll widerspiegeln wird.

Nationalsozialismus und Rechtsradikalismus, meine sehr geehrten Damen und Herren, haben leider nach wie vor, auch in Dortmund, eine hohe Aktualität. Es handelt sich dabei immer noch um eine ernstzunehmende Gefahr, der wir konsequent und mit allen Mitteln des Rechtsstaats entgegentreten müssen. Doch dies alleine wird nicht ausreichen. Wir als Demokraten müssen aktiv und persönlich für unsere Werte einstehen. Wir sollten uns immer vor Augen führen, dass unser Leben und unsere Freiheit nicht selbstverständlich sind. Demokratie, Toleranz und Freiheit müssen erlernt, gepflegt und, wenn nötig, auch verteidigt werden. Die Ereignisse der letztjährigen 1.-Mai-Kundgebung des DGB haben mir klar gezeigt, dass eine Demokratie sich auch wehren muss.

Es ist die Aufgabe von uns allen, die richtigen Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Wir dürfen es nicht zulassen, dass sich nationalsozialistisches Gedankengut, Rassismus und Antisemitismus, also Ausgrenzung, Unterdrückung, Deportation und Vernichtung, jemals wiederholen. Und wenn wir Werte wie Freiheit, Demokratie, Menschenrechte und Menschenwürde wirklich leben und Solidarität und Zivilcourage in unserer Gesellschaft fördern, dann sind wir – daran glaube ich fest – auf dem richtigen Weg.