Karfreitagsveranstaltungen 2015

Gründonnerstag, 2. April 2015
Treffen von Delegierten aus Orten mit Kriegsendphasenverbrechen
15 Uhr im Rathaus Dortmund

Filmpräsentation und Gespräch mit Prof. Dr. Walter Manoschek, Wien
“Dann bin ich ja ein Mörder!”
19 Uhr in der Gedenkstätte Steinwache

In seinem 2012 erstmals gezeigten Dokumentarfilm „Dann bin ich ja ein Mörder“ setzt sich Walter Manoschek mit dem Massaker an jüdischen Zwangsarbeitern kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs im österreichischen Deutsch Schützen auseinander. Kern des Films ist ein Interview mit dem ehemaligen Waffen-SS-Mann und Täter von Deutsch Schützen, Adolf Storms. Der mittlerweile in Duisburg lebende Storms war im Rahmen eines Seminars zu Kriegsendphasenverbrechen in Österreich zufällig ausfindig gemacht und 2008 von Manoschek befragt worden.

„Das ist eine große Kunst. Das ist bisher zu selten passiert, eben, wie gesagt, eine Darstellung ohne Eifer und ohne Zorn, von einem, der leidenschaftliche Teilnahme für die Opfer hat, ohne die Täter ahistorisch zu verteufeln und zu dämonisieren. Da versucht einer, der es weiß, trotzdem zu verstehen. Das ist sehr viel.“
(Elfriede Jelinek zu „Dann bin ich ja ein Mörder)

Prof. Dr. Walter Manoschek ist seit 2001 außerordentlicher Universitätsprofessor für Politikwissenschaft an der Universität Wien. Von 2004 bis 2006 war er zudem Vorstand des Instituts für Staatswissenschaft dieser Universität. Er ist u.a. Mitherausgeber mehrerer Werke zu den Verbrechen der Wehrmacht und forschte zu den Opfern der NS-Militärjustiz.

Eine Veranstaltung der Mahn- und Gedenkstätte in Zusammenarbeit mit dem Förderverein Gedenkstätte Steinwache – Internationales Rombergparkkomitee e.V. und der Auslandsgesellschaft Deutschland

 

Karfreitag, 3. April 2015
10.30 Uhr Gedenken auf dem Internationalen Friedhof in Brackel

 

Karfreitag, 3. April 2015, in Lünen
Erinnerung an die aus Lünen stammenden ermordeten Antifaschisten
11 Uhr um Mahnmal im Südpark

 

Karfreitag, 3. April 2015
15 Uhr Gedenken am Mahnmal in der Bittermark
Es sprechen:
Ullrich Sierau, Oberbürgermeister
Jean Chaize vom Verband der französischen Arbeitsdeportierten
Jugendliche „Botschafter der Erinnerung“
Musik:
Kinderchor der Chorakademie Dortmund

 

Karsamstag, 4. April 2015
Gedenken in Lippstadt

 

70 Jahre danach – Aufruf zum Gedenken an die Opfer der Kriegsendphase

Treffen am 2. April im Dortmunder Rathaus und in der Gedenkstätte Steinwache

In Dortmund findet alljährlich in der Bittermark/Rombergpark eine  Gedenkkundgebung am Mahnmal, Nähe Tatort des Karfreitagsmassakers der Gestapo von 1945, statt. Der  Förderverein Steinwache / Internationales Rombergparkkomitee trifft sich jedes Jahr  zum Gründonnerstag und Karfreitag, um Erinnerungsarbeit zu leisten; dies auch gemeinsam mit  den Hinterbliebenen aus jenen Ländern, aus denen die 300 Opfer kamen.

In diesem Jahr, zum 70. Jahrestag der Dortmunder Karfreitagsmorde, rufen wir wieder dazu auf, sich aus allen Orten mit Kriegsendphasenverbrechen nach Dortmund ins Rathaus zu einem Erinnerungstreffen zu begeben. Mit diesem Anliegen wenden wir uns  daher an die Erinnerungsarbeiter/innen all überall.

Kommen Sie am 2. April 2015 nach Dortmund.

U.a. wird Prof. Walter Manoschek, Wien, in der Gedenkstätte Steinwache einen Vortrag halten.

Wer sich für unser Treffen interessiert, wende sich an den Vorsitzenden des Fördervereins Gedenkstätte Steinwache, Ernst Söder (Adresse im Impressum dieser Seite).

 

Zur Vorgeschichte

Das Reichssicherheitshauptamt schreibt am 24. Januar 1945:

An die Leiter der Staatspolizei(leit)stellen – Geheime Reichssache – persönlich

„Die gegenwärtige Gesamtlage wird Elemente unter den ausländischen  Arbeitern und auch ehemalige deutsche Kommunisten veranlassen, sich  umstürzlerisch zu betätigen. Größte Aufmerksamkeit ist daher geboten.  Dass der Feind Vorbereitungen getroffen hat, geht aus einer Meldung  des O.B.-West (Oberbefehlshaber der Wehrmacht-West) hervor. Es ist in allen sich zeigenden Fällen sofort und brutal zuzuschlagen. Die Betreffenden sind zu vernichten, ohne im formellen Weg vorher beim  RSHA Sonderbehandlung zu  beantragen. Die Leiter der Kriminalpolizeistellen sind persönlich von Ihnen entsprechend zu informieren.“

Mordbefehle wie dieser erreichten die Gestapostellen im gesamten Deutschen Reich im Januar 1945. Solche Befehle führten zum Massenmord  an unzähligen Gefangenen, an Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern und an wiederum inhaftierten politischen Widerständlern.

Der Dortmunder Polizeihistoriker Alexander Primavesi schrieb später  über  diese Befehle und ihre Wirkungen (in den „Ruhrnachrichten“ vom  31. März  1994): „Hochmotiviert durch das Schreiben brachten die  Gestapo-Beamten in den Wochen vor Ostern immer mehr Menschen in die Zellen der Steinwache und des Gestapo-Kellers in der Benninghofer Straße. Zwangsarbeiter aus dem gesamten Bereich des Regierungsbezirkes Arnsberg, Holländer, Belgier, Franzosen, Polen, Jugoslawen und Russen, verschleppten die Gestapo-Beamten in ein Lager im Bereich der Hütten-Union in Dortmund-Hörde. Von jeder  Verantwortung gegenüber einer höheren Stelle entbunden, folterten die Beamten hemmungslos, um weitere ‚umstürzlerische Elemente‘ aufzuspüren.“ Primavesi: „Es war der wahnwitzige Vorsatz, niemanden aus den Reihen der politischen Gegner am Leben zu lassen, damit sie nach dem Zusammenbruch nicht führende Positionen besetzen konnten, der die Gestapo zu dieser letzten Abrechnung bewegte.“

So wie im Ruhrkessel kam es zu unzähligen Verbrechen der Kriegsendphase in ganz Deutschland und Österreich. Oftmals waren es nicht nur von der Gestapo  ausgeführte Massaker, sondern auch Mordaktionen, an denen sich einfache NSDAP-Parteimitglieder, Hitlerjungen und Volkssturmmänner beteiligten.

Eine weitere abschließende Phase der Massenverbrechen begann, die sich bis zur Befreiung am 8. Mai 1945 hinzog. Die Opferzahlen dieser Massenhinrichtungen, Menschenjagden, Todesmärsche und  Erschießungen von Deserteuren gehen in die Hunderttausende; bis zu 700.000 werden geschätzt. Diese letzten vier Monate des Krieges sind wenig erforscht.

Allerdings haben sich in vielen Orten  Geschichtsinitiativen gebildet, um die Verbrechen aufzuklären, deren  Urheber zumeist nicht bestraft wurden.

Es wird daran erinnert, was die Opfer bewegte, die eine Zeit des Friedens  und der Freiheit nicht mehr erleben durften. Es ist daran zu erinnern, was sie uns für das Heute zu sagen haben, da rechte Kräfte wieder aktiv werden und sogar ein Krieg auf europäischem Boden droht.

 

Mahn- und Gedenkstätte Steinwache in der Dortmunder Bittermark

Donnerstag, 2. April 2015,

15 Uhr Rathaus der Stadt Dortmund

19 Uhr Steinwache
Professor Dr. Walter Manoschek spricht über den von ihm hergestellten Dokumentarfilm über den SS-Mann Adolf Storms „Dann bin ich ja ein Mörder“.

(Gemeinsame Veranstaltung des Stadtarchivs Dortmund und des Fördervereins Gedenkstätte Steinwache-Internationales Rombergpark-Komitee)

Karfreitag, 3. April 2015
Kundgebung der Stadt Dortmund in der Bittermark
14.30 Uhr Kirchhörder Straße/Kreuzung Olpketalstraße
Beginn 15 Uhr

Förderverein besucht Gedenkfeier in Stukenbrock

Mitglieder des Fördervereins Gedenkstätte Steinwache / Internationales Rombergpark-Komitee besuchten am Samstag, dem 6. September 2014, die vom Arbeitskreis „Blumen für Stukenbrock“  durchgeführte Veranstaltung im Gedenken an die 65.000 sowjetischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, die hier von den Nazis gequält und ermordet worden sind. Der Förderverein möchte damit die Erinnerung an das sowjetische Kriegsgefangenenlager Stalag 326  in Stukenbrock wachhalten und dazu beitragen, dass der Frieden zwischen den Menschen und den Völkern erhalten bleibt.

Auf dem Ehrenfriedhof legte die Gruppe einen Kranz nieder. Die Mahnung von Stukenbrock „Und sorget ihr, die ihr noch im Leben steht, dass der Frieden bleibt, Frieden zwischen den Menschen, Frieden zwischen den Völkern, ist uns Auftrag und Verpflichtung. Die Toten von Stukenbrock mahnen zur Wachsamkeit“.

Stukenbrock 2014

Gedenkveranstaltung zum Antikriegstag 2014

1. September 1939
Überfall der faschistischen deutschen Wehrmacht auf Polen, Beginn des Zweiten Weltkrieges

1. September 2014
Gedenkveranstaltung zum Antikriegstag 2014

17 Uhr an der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache, Dortmund, Steinstraße

Nie wieder Faschismus, nein zum Krieg!

Eine Veranstaltung des DGB in Kooperation mit der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache, der Auslandsgesellschaft, dem Förderverein Gedenkstätte Steinwache / Internationales Rombergpark-Komitee e.V., dem Jugendring Dortmund, Slado e.V., unterstützt durch den Dortmunder Arbeitskreis gegen Rechtsextremismus

Blumen für Stukenbrock am 6. September 2014

Einladung zur Fahrt und Teilnahme an der Antikriegstagsveranstaltung

Samstag, 6. September 2014 in Stukenbrock-Sennestadt

Der Arbeitskreis „Blumen für Stukenbrock“ führt  auch in diesem Jahr eine Veranstaltung im Gedenken an die 65.000 sowjetischen Kriegsgefangenen durch, die in Stukenbrock von den Nazis zu Tode gequält wurden.  Er möchte damit die Erinnerung an das sowjetische Kriegsgefangenenlager Stalag 326 wachhalten und mit dazu beitragen, dass der Frieden zwischen den Menschen und den Völkern erhalten bleibt.

Die Veranstaltung beginnt um 14 Uhr mit einer Führung, anschließend, ab 15 Uhr, findet die Gedenkveranstaltung statt.

Der Förderverein Gedenkstätte Steinwache / Internationales Rombergpark-Komitee lädt seine Mitglieder und Freunde herzlich zur Teilnahme ein. Wir wollen – wie bereits im letzten Jahr erprobt – um 12 Uhr von der Steinwache abfahren. Bei einer Anmeldezahl von zehn Personen setzen wir einen Kleinbus ein, bei einer geringeren Beteiligung fahren wir mit PKW. Nach der Veranstaltung werden wir ins nahegelegene Restaurant „Alte Fockelmühle“ fahren.

Wir bitten um Anmeldung spätestens bis 23. August 2014 bei Georg Deventer, Telefon: 0172 – 271 48 63, E-mail: gus.deventer@arcor.de

Gedenkstätte Stukenbrock

8./9. Mai – Jahrestag des Sieges über den Faschismus

Am 8. Mai (in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion östlich der Datumsgrenze am 9. Mai) wurde und wird noch heute der Jahrestag des Sieges über den Hitlerfaschismus gefeiert. In einigen Ländern ist es ein arbeitsfreier, gesetzlicher Feiertag, in der BRD noch nicht.

Zeitung Vicotry

Karfreitag 2014

Etwa 1700 Dortmunderinnen und Dortmunder haben am 18. April 2014 an der größten antifaschistischen Manifestation Westfalens, dem Karfreitagsgedenken in der Dortmunder Bittermark, teilgenommen. Das Karfreitagsgedenken erinnert an 300 Zwangsarbeiter und Hitlergegner, die noch in den letzten Kriegstagen des Jahres 1945 in Dortmund von der Gestapo ermordet worden sind. Sie wurden Opfer einer reichsweiten Mordaktion, der im Angesicht des nahen Sieges über den Faschismus noch tausende zum Opfer gefallen sind.

Die Veranstaltung wurde mitgestaltet von den Botschaftern der Erinnerung des Stadtjugendringes. Mitgewirkt haben außerdem Ernst Söder vom Förderverein Gedenkstätte Steinwache / Internationales Rombergpark-Komitee, Dortmunds Oberbürgermeister Ulrich Sierau und der Fußballspieler Lars Ricken vom BVB. Der BVB-Fanclub „Heinrich Czerkus“ führte seinen mittlerweile zehnten Heinrich-Czerkus-Lauf vom Stadion zum Kundgebungsort durch.

Das musikalische Programm wurde beigetragen vom Posaunenchor der Vereinigten Kirchenkreise und einem Kinderchor der Dortmunder Chorakademie, der gemeinsam mit dem Publikum das Lied der Moorsoldaten sang.

Mitglieder des FV Steinwache / IRPK haben außerdem auf Kundgebungen in Lippstadt und Lünen gesprochen.

Wir verweisen auf die Berichterstattung und Bilder auf Der Westen.

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Die Rede von Ernst Söder, Vorsitzender des FV Steinwache / IRPK

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Sierau,
liebe BotschafterInnen der Erinnerung,
sehr geehrter Herr Ricken, verehrte Anwesende!

Erneut gedenken wir heute der Opfer der faschistischen Gewaltherrschaft. Wir erinnern an sie und wir trauern mit den Angehörigen und Hinterbliebenen an die Männer und Frauen, die noch am Ende des Zweiten Weltkrieges von Mörderbanden der Geheimen Staatspolizei ermordet worden sind. Es ist unsere Pflicht und Verantwortung, uns mit dem dunkelsten Kapitel in unserer Stadt heute und in der Zukunft immer wieder auseinanderzusetzen.

Mit der Niederlegung von Kränzen und Blumen geben wir unserer Trauer einen äußerlichen und feierlichen Rahmen. Es ist ein Zeichen des Andenkens, das wir den Ermordeten zum Ausdruck bringen können. Die BotschafterInnen der Erinnerung begleiten meine Ausführungen, die ich heute hier machen möchte, durch selbst erarbeitete szenische Darstelllungen.

Die letzten Kriegswochen im April 1945 waren eine Zeit des Umbruchs, aber auch der Unsicherheiten. Die Menschen schwankten zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Es fehlte an Wohnraum und es fehlten Nahrungsmittel und Kleidung, und die Familien hofften auf die Rückkehr ihrer Väter und Söhne, die in einen sinnlosen Krieg gezogen waren. Viele von ihnen, Hunderttausende, haben die Heimat und ihre Angehörigen nie wiedersehen können.

Die Ereignisse in der Bittermark

Alle Gesetze der Moral und der Menschlichkeit waren in den zwölf Jahren NS-Herrschaft außer Kraft gesetzt, und die tödliche Angst vor der Zukunft trieb in den letzten Tagen des Krieges die faschistischen Tyrannen zu verzweifelten Taten gegen diejenigen, von denen sie glaubten, sie würden sich nach dem Ende des Krieges an ihnen rächen bzw. ihre Taten bestrafen wollen.

Viele Männer und Frauen des Widerstandes und Zwangsarbeiter aus Polen, der Sowjetunion, Frankreich, Jugoslawien, Belgien und den Niederlanden wurden in der Karwoche 1945 verhaftet und in die Kerker der Benninghofer Straße nach Hörde gebracht. Hier war der Sitz der Gestapo, ein Gebäude, an dem niemand ohne Herzklopfen vorbei ging. Wer eine Vorladung dorthin bekam und die Tür durchschritt, die automatisch hinter ihm zuschlug, der wusste oftmals nicht, ob er dieses Haus wieder lebend verlassen würde.

Am 7. März 1945 begann die Entleerung der Keller – ein schauerliches Werk begann, das bis zum 12. April dauerte. Bei Nacht und Nebel wurden die Gefangenen aus den Kellern geführt. Bewaffnete hatten ihre Hände mit Stacheldraht und Bindegrat gefesselt.

Die Fahrt dieser Armseligen brachte sie in den nahen Rombergpark und in die Bittermark, zu ihrer letzten Station. Hier hatten einige verirrte Bomben tiefe Trichter in den Boden gerissen. Ohne Gerichtsurteil ist hier gemordet worden. Von Genickschüssen getroffen stürzten die wehrlosen Opfer in die Erde. Die Henkersknechte der Gestapo erhielten für die Ausführung des Mordbefehls anschließend eine Sonderration Schnaps und Zigaretten.

Ich habe persönliche Erinnerungen an diese Tage. Ich war damals etwas älter als sechs Jahre, als in der Singerhoffstraße in Hombruch, in der ich wohnte, bekannt geworden war, dass ein Nachbar zu den Ermordeten in der Bittermark gehöre. Es war der Bergmann Karl Schwartz, dessen Sohn Walter bei der Suche nach seinem Vater die unmenschlich zugerichteten und erschossenen Menschen gefunden hatte, darunter auch sein Vater, der in einem Bombentrichter lag.

Und ich erinnere mich an die Trauer von Nachbarn, die sich spontan zusammenfanden, vorhandene Blumen in ihren Gärten pflückten, sie vor die Haustüre des Ermordeten legten und einander an den Händen fassend ihre Trauer und ihr Mitgefühl zum Ausdruck brachten. Die Menschen waren verzweifelt, viele weinten und umarmten sich.

Was war geschehen?

„Die Toten im Rombergpark“

Ich zitiere aus dem Roman Cäsar, von Erich Grisar, einem Dortmunder Dichter, der im November 1955 verstarb. „An einem Morgen Ende April 1945 ging das Gerücht, in einem Park am Rande der Stadt habe man die verscharrten Leichen einiger hundert Ermordeter aufgefunden. Eine Lähmung ergriff die Menschen. Die kalte Hand, die so lange an ihrem Hals gesessen, die sie schon nicht mehr gespürt, seit die braunen Uniformen von den Straßen verschwunden waren, griff wieder nach ihnen und würgte sie. In ihrer Mitte war wieder aufgestanden, was sie zwölf Jahre hindurch nicht hatten wahrhaben wollen, was sie selbst in ihren Angstträumen noch verdrängt.

Wohl hatten sie mit dem Wort „Gestapo“ immer etwas Schreckliches, jeden freien Willen, jede eigene Meinung Lähmendes verbunden, aber sie waren der Wirklichkeit des Wortes aus dem Wege gegangen. Es war ja immer nur der Nebenmann, der getroffen wurde. So wie der Tod immer nur den anderen trifft.
Hier aber war der Tod nicht als Freund gekommen. Unfrisiert und nackt hatte er seine Opfer in den Tiefen dreier Bombentrichter verscharrt, und ohne die Hülle eines prunkvollen Sarges hatte man lose Erde über sie gehäuft. Kein Pomp, kein Stein, kein Schild mit einem Namen.

Nur da und dort deutete ein unverhüllt gebliebener Fuß oder eine zur Anklage gehobene Hand an, dass die Erde nicht gewillt war, Kupplerin des Geheimnisses zu sein, das man ihr in allzu großer Eile anvertraut.“

In weiteren Kapiteln schildert Erich Grisar Einzelheiten dieses unmenschlichen Verbrechens, das sich in der Bittermark und im Rombergpark zugetragen hat. So wurde auch Dortmund am Ende des Zweiten Weltkrieges und bei der Befreiung von der Nazidiktatur ein Schauplatz des Massenmordes an deutschen und ausländischen Antifaschisten, Widerstandskämpfern und Zwangsarbeitern aus sieben Nationen. Als die Verbrechen der Gestapo in Dortmund im April 1945 entdeckt wurden, verfielen die Menschen in Trauer und Verzweiflung, aber auch in Wut gegenüber denjenigen, die dafür die Verantwortung trugen.

Die Täter

Erlauben sie mir einige Hinweise zu den Tätern dieses unfassbaren Meuchelmordes im Jahre 1945 und die Frage: Wie wurden diese Mordtaten der Gestapo in der Nachkriegszeit gesühnt? Die Antwort dazu:
Die Täter wurden nicht in dem Maße zur Rechenschaft gezogen, wie es die Angehörigen der Opfer und die Staatsanwaltschaft nach der Befreiung vom Faschismus erhofft und gefordert hatten.

Emil Risse aus Essen, dessen Frau Julie ebenfalls zu den Karfreitagsopfern zählt, schrieb im September 1946 einen Brief an die Staatsanwaltschaft in Dortmund. Er möchte gern wissen, ob denn das furchtbare Verbrechen der Gestapo in Hörde eigentlich nicht gesühnt werde und die Mörder nicht zur Verantwortung gezogen würden. Eine Antwort bekam er nicht.

Es dauerte noch sechs Jahre, bis vor dem Dortmunder Schöffengericht ein Prozess gegen die Täter begann. Die Namen und die Herkunft der Mörder dieses unsagbaren Verbrechens sind nicht unbekannt geblieben, doch nur sehr wenige SS- und Gestapoleute wurden verfolgt und vom Schwurgericht mit Gefängnis bestraft. Manche erhielten erneut Positionen in der Staats- und Justizverwaltung, arbeiteten wieder bei der Polizei und wurden dort aufgrund ihrer Verdienste in höhere Dienstgrade befördert.

Letzteres konnte in Deutschland nicht verhindert werden, die Aufarbeitung der Nazidiktatur nach 1945 – sie ist ja bis heute nicht abgeschlossen – verlief nicht in dem Maße, wie es die Opfer und die Gegner des Faschismus erhofft und gefordert hatten. Mutigen Staatsanwälten und Gerichten wurde häufig die Arbeit erschwert, und die Politik hat sich sehr zurückgehalten und nur dort Präsenz gezeigt, wo es unumgänglich war.

Die insbesondere nach dem Kriege wirkende antikommunistische Doktrin unseres Landes hatte beim Aufbau der Bundesrepublik auch ihre Grundlagen in den personellen Kontinuitäten. In Schlüsselfunktionen in der Justiz, Verwaltung, Politik und beim Aufbau der Bundeswehr mit Personal, das in diesen oder anderen Funktionen schon während der Nazizeit als Fachpersonal tätig war, fanden sich ehemalige Nazis wieder. Dazu gehörten auch Dortmunder Gestapobeamte, die nach 1945 wieder in ihre Positionen als Kriminalbeamte zurückkehren konnten – was zu einer grotesken Situation führte, als der Rombergpark-Prozess vorbereitet wurde: Die Beamten, die hierzu die Vernehmungen durchführten, hatten genauso viele Straftaten begangen wie die von ihnen vernommenen Angeklagten.

Entsprechend dünn und kaum verwertbar waren die Ergebnisse der Verhöre, und entsprechend war die Urteilsfindung beim Rombergpark-Prozess im Jahre 1952. Am 4. April 1952 verkündete das Schwurgericht das von den Dortmundern lang erwartete Urteil.

Von dem Exekutionskommando der Dortmunder Gestapo, das nach Ostern 1945 in alle Welt flüchtete, kamen 1952 lediglich 27 Mörder vor Gericht. 15 von ihnen wurden freigesprochen. „Die Angeklagten hätten nur Befehle ausgeführt“, so der Gerichtsvorsitzende bei der Urteilsbegründung wörtlich, „weil sie unter dem Militärstrafgesetz stehende Personen gewesen seien, denen zudem ein Notstand bei der Befehlsausführung zugebilligt werden müsse.“

Die Richter des Landgerichtes vertraten die Auffassung, die Schuld an den Verbrechen treffe allein den Vorgesetzten, der die Befehle zur Exekution gab. Urteil und Begründung sowie die Berichte von Prozess- und Zeitzeugen bestätigen die Vermutung, dass bei diesem Prozess amtierende ehemalige Nazirichter bei der Strafbemessung gegen die Angeklagten sehr großzügig verfahren sind und die beschuldigten Gestapoleute schonen wollten.

Die Internationale Häftlingsgemeinschaft der 21.000 Überlebenden hat nach ihrer Selbstbefreiung auf dem Appellplatz des Konzentrationslagers Buchenwald am 19. April 1945 den Schwur abgelegt: „Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Aufgabe, der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel. Und: Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht.“ Dieser Schwur hatte nur wenig Erfolg, denn die Schuldigen haben es – mit Hilfe der Justiz und mit Unterstützung der Politik – verstanden, weitgehend einer Strafverfolgung zu entgehen.

Nach wie vor haben wir allen Anlass, meine Damen und Herren, das dunkelste Kapitel unserer Geschichte vor dem Vergessen zu bewahren, um künftigen Generationen immer wieder vor Augen zu führen, wo es schon einmal geendet hat, als man die Menschenwürde in Deutschland mit Füßen trat, die Grundprinzipien mitmenschlichen Umgangs missachtete und einem von vielen lange bejubelten Führer Allwissenheit und Allmacht zubilligte.

Wir Jüngeren haben von Zeitzeugen und Überlebenden erfahren, was wir selbst nicht bewusst erlebt haben. Sie haben uns von ihren Erfahrungen erzählt und uns verpflichtet, dass wir wachsam sein und neue Gefahren abwehren müssen. Das tun wir seit langem, und das werden wir auch weiterhin tun, um ihr Vermächtnis an uns zu erfüllen. Und zu diesem Engagement gehört der Kampf gegen jeglichen Rechtsradikalismus, gegen Fremdenhass und gegen den Neofaschismus.

Die demokratischen Kräfte, die in Dortmund seit langem Widerstand gegen die Neonazis und ihre Kameradschaften leisten, werden stärker. Das ist begrüßenswert und macht deutlich, dass die Menschen in unserer Stadt friedlich und ohne Nazis hier leben und wohnen möchten. Wir wollen keine Neonazis, weder in Dorstfeld, noch in Huckarde, noch anderswo, und schon gar nicht am 1. Mai, dem Tag der Arbeit.

Ein Wort zur Gegenwart:

Auch die Erklärung des Bundespräsidenten, dass die Deutschen mehr Verantwortung in der Welt – auch militärische – zu übernehmen hätten, widerspricht dem Inhalt unseres Grundgesetzes, das die Bundeswehr ausdrücklich zu einer Verteidigungsarmee erklärt. Wir wissen nicht, was die Konflikte in der Ukraine, auf der Krim, in Afghanistan und an vielen anderen Orten für Folgen haben werden, auch für die Menschen in der Bundesrepublik Deutschland.

Und ein Letztes:

Am 25. Mai finden in diesem Jahr die Europawahlen und in Nordrhein-Westfalen die Kommunalwahlen statt. Die extreme Rechte und die rechtspopulistischen Parteien werden nicht nur im Internet verstärkt aktiv, sondern auch im Straßen-Wahlkampf. Solange sie nicht verboten und zu den Wahlen zugelassen sind, werden sie neben den Infoständen der demokratischen Parteien öffentlich aktiv und können mit demagogischen und dummen Sprüchen Ängste vor Überfremdung, Sozialabbau, „Ausländerkriminalität“ und Werteverfall schüren.

Dem müssen wir Aufklärendes entgegensetzen und hervorheben, welche Vorzüge ein humanistisches Menschenbild und eine Demokratie haben und welche Werte darin zum Ausdruck kommen. Wo demokratische Rechte abgebaut werden, wird Platz gemacht für faschistische Abenteuer. Wohin uns das führen würde, wissen wir. Was im Rombergpark, und in der Bittermark geschah, darf sich niemals wiederholen.

Und es ist auch in diesem Zusammenhang notwendig, auf die Folgen hinzuweisen, welche die NS-Zeit in Deutschland und in Europa mit Völkerhass, Toten, Vermissten, Zwangsarbeit, Deportation und Vertreibung, unbeschreiblichen Gräueltaten, Verbot von Denkweisen, politische Folgen, zum Beispiel durch die Isolierung Deutschlands , und einem immensen wirtschaftlichen Schaden durch die Kriegskosten zu verantworten hat.

Legen wir an den Gräbern der Ermordeten ein Bekenntnis ab zum Frieden und zu sozialer Gerechtigkeit. Wir schulden es den unschuldigen Opfern und den vielen Menschen, die im Widerstand gegen das Nazi-Regime ihr Leben riskierten und verfolgt wurden. Wir werden auch weiterhin aus unserer Geschichte lernen und für die Gegenwart und die Zukunft entschlossen handeln.

Nie wieder!

Erinnern und Gedenken, verehrte Zuhörer, Erinnern als Mahnung zu Toleranz und Weltoffenheit, und das Gedenken an die vielen Millionen Opfer, sollte jetzt und in der Zukunft unser aller Auftrag sein. Wir wünschen uns: Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg! Faschismus ist keine Ideologie, sondern ein Verbrechen. Und Krieg ist kein Mittel, Konflikte zu lösen. Frieden, Freiheit und Menschenwürde sind das Modell einer demokratischen Zukunft.

Ich bedanke mich, dass sie mir zugehört haben.