Gemeinsam Widerstand leisten!

Die Reden der Schülerinnen und Schüler der Geschwister-Scholl-Gesamtschule Dortmund


Sehr geehrte Damen und Herren!

Wir, die Schüler der Geschwister-Scholl-Gesamtschule, haben uns mit den Verbrechen im Rombergpark und in der Bittermark beschäftigt und kurze Beiträge für diesen besonderen Gedenktag verfasst. Mein Name ist Jana Seifert, und ich werde Ihnen meine Mitschüler und ihre Beiträge vorstellen.

Zwischen dem 7. März und 12. April 1945 wurden in Dortmund 300 Menschen ermordet – auch an diesem Ort. Die Opfer wurden gefoltert und erschossen. Um diese Verbrechen nicht zu vergessen, wurde das Mahnmal hier in der Bittermark errichtet.

Als erstes wird uns Nathalie Beier über einige Widerstandsgruppen und verschiedene Formen des Widerstands berichten. Janina Herwig und Alina Müller wollen einige der Opfer würdigen. Zunächst geht es um Heinrich Czerkus. Dann um Erich und Karl Mörchel. Dazu trafen sie sich mit Gisa Marschefski, der Tochter von Erich Mörchel und ehemalige Generalsekretärin des Internationalen Rombergparkkomitees.

Als nächstes wird Kimberly Zolper von der Lage der Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter in Dortmund von 1939 bis 1945 berichten. Annika Wessing wird uns über die Widerstandsgruppe „Die weiße Rose“ informieren, denn die Namensgeber unserer Schule, die Geschwister Scholl, sind für uns wichtig. Das abschließende Wort hat unser Schülersprecher Luca Fröhlich.


Politisch motivierter Widerstand

Uns ist es wichtig, den politisch motivierten Widerstandskämpfern zu gedenken. Sie kamen aus der Kommunistischen Partei Deutschlands, der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, der Sozialistischen Arbeiterpartei und den Gewerkschaften. Die Widerstandskämpfer wurden verhaftet, gefoltert, misshandelt und mussten oft im Kampf gegen das NS-Regime ihr Leben lassen.

Dabei haben vor allem die Mitglieder und Sympathisanten der KPD unsere Anerkennung verdient, weil sie am stärksten von der politischen Verfolgung durch die NSDAP betroffen waren. Allein in Dortmund zählten 1260 Kommunisten zu den politisch Verfolgten.

Mehrere Gruppen, die im Widerstand aktiv waren, schlossen sich zu Widerstandskreisen zusammen. Dazu gehörten die Sozialdemokraten, die Kommunisten, die Gewerkschaften, die Oppositionellen des Militärs und die Geistlichen. Gemeinsam druckten sie Anklagen und Informationen gegen die Nazi-Diktatur. Die Flugblätter und Schriften wurden zum Beispiel auf Klebezetteln oder durch die Post verbreitet.

Die „Winzen-Gruppe“ oder „Neuer Sozialismus“, benannt nach dem Kopf der Gruppe, Paul Winzen, war eine Dortmunder Widerstandsorganisation. Die Widerstandskämpfer trafen sich regelmäßig illegal in verschiedenen Wohnungen, druckten antinazistische Flugblätter und hörten ausländische Rundfunksendungen ab. Ihnen drohte bei der Verhaftung unter anderem das Todesurteil wegen Hochverrats. Zwei Mitglieder dieser Gruppe wurden in Berlin-Plötzensee mit dem Fallbeil hingerichtet.

Die stärkste Waffe des Widerstandes stellte die Veröffentlichung von antifaschistischer Literatur dar, mit der man versuchte, Wissen und Informationen weiterzugeben und eine möglichst breite Masse des Volkes über das Wesen des NS-Unrechtsregimes aufzuklären. Auf diese Weise wurde der Bevölkerung vermittelt, dass Widerstand existierte. Die Widerstandskämpfer ermutigten sich auch gegenseitig, weiterzumachen und für ihre Rechte und die ihrer Mitmenschen einzustehen.


Frauen im Widerstand

Auch Frauen beteiligten sich im Kampf gegen den Nationalsozialismus. Viele von ihnen leisteten aus ganz verschiedenen Gründen Widerstand, so zum Beispiel aus religiösen Gründen, persönlicher Gewissensnot oder aber aus politischen Gründen.

An dieser Stelle möchte ich eine Frau besonders hervorheben, ihr Name war Martha Gillessen. Die politisch motivierte Kommunistin und dreifache Mutter nahm, mutig wie sie war, den Kampf gegen das Nazi-Regime auf, verbreitete Broschüren gegen die Nazis und wurde daraufhin von der Gestapo festgenommen. Martha Gillessen wurde am 19. April 1945 tot im Rombergpark aufgefunden. Sie stellt ein Beispiel für die Frauen dar, die während der Nazi-Diktatur nicht nur Zivilcourage zeigten, sondern auch bereit waren, im Kampf gegen den Nazi-Terror mit ihrem Leben zu bezahlen.


Das Stauffenberg-Attentat

Das Attentat des Grafen Schenk von Stauffenberg vom 20. Juli 1944 steht für den militärischen Widerstand. Wilhelm Canaris, ein gebürtiger Aplerbecker, förderte diese konservativen Widerstandskreise als Leiter des militärischen Nachrichtendienstes. Mit Hilfe seines Amtes ermöglichte Wilhelm Canaris vielen politisch Verfolgten die Flucht ins Ausland. Ihm zu Ehren ist eine Straße im Kern des Bezirks Aplerbeck benannt. Nach dem Attentat wurde er von der SS verhaftet und am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg erhängt.


Widerstand in der Bevölkerung

Mit Kriegsbeginn wuchs auch die Skepsis der Bevölkerung hinsichtlich der Maßnahmen und Pläne des NS-Regimes. Daher stieg in der darauffolgenden Zeit auch das Verlangen nach alternativen Informationen an, statt nur auf die übliche Propaganda angewiesen zu sein, die von der Regierung verbreitet wurde. Ein Teil der Bevölkerung hörte daher heimlich ausländische Radiosendungen ab, was zum Teil mit KZ-Haft, aber auch mit der Todesstrafe geahndet wurde.

Auch Jugendliche engagierten sich im Widerstand. So entstand in der Gegnerschaft zur Hitlerjugend auch in Dortmund eine Protestbewegung junger Leute, die sich „die Edelweißpiraten“ nannte. Sie fielen vor allem durch ihre antifaschistischen Aktionen auf. Auch das Verteilen von Flugblättern gehörte dazu. Die Jugendlichen wurden von der Gestapo verfolgt, verhaftet, gefoltert und ermordet.


Widerstand aus christlicher Verantwortung

Auch den Mitgliedern der Kirchen im Widerstand bewahren wir ein ehrendes Gedenken, weil auch sie mit Schutzhaft, Konzentrationslager und Hinrichtung bedroht und ermordet wurden.

Mutige Predigten, offizielle theologische Stellungnahmen und anklagende Hirtenbriefe, in denen man sich kritisch gegenüber dem Nationalsozialismus äußerte, sollten den Menschen die Augen öffnen. Der kirchliche Widerstand blieb bis zum Ende des Krieges bestehen, wobei er sich aber bewusst auf den kirchlichen Bereich beschränkte.

All diese mutigen Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens die Initiative ergriffen, die für einen Staat gekämpft haben, der Freiheit und Gerechtigkeit schützt und garantiert – die Widerstandskämpfer und -kämpferinnen – sollten auch meiner Generation als Vorbild dienen.


Heinrich Czerkus

Als erstes möchte ich die Teilnehmer des Heinrich-Czerkus-Gedächtnislaufs begrüßen, die heute die Strecke vom Stadion Rote Erde bis hierher zur Bittermark zurückgelegt haben.

Aber wer war Heinrich Czerkus überhaupt, dass jedes Jahr zu Karfreitag ein Gedächtnislauf zu seinen Ehren stattfindet? Und am Trainingsgelände des BVB in Brackel gibt es die Heinrich-Czerkus-Allee.

Heinrich Czerkus wurde am 27. Oktober 1894 in Münne, Westfalen, geboren. Seit 1920 war er Mitglied in der KPD und seit 1924 auch als Funktionär im Unterbezirk Dortmund. Im Jahre 1933 wurde er zum Vertreter der KPD in das Dortmunder Stadtparlament gewählt. Dieses Mandat konnte er aber nicht mehr ausüben, weil die Nazis an der Macht waren.

Besonders bekannt wurde er, weil er bis 1937 Zeugwart bei Borussia Dortmund war. Czerkus nutzte diese Position für den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Er fertigte und verteilte Flugblätter mit kommunistischen Parolen. Diese Flugblätter fertigte er teilweise mit der Vervielfältigungsmaschine des BVB an.

Heinrich Czerkus schaffte es lange, vor der Gestapo zu fliehen, und wurde erst 1945 bei einer Verhaftungswelle festgenommen. Er wurde daraufhin in das Auffanglager am Hörder Bergwerks- und Hüttenverein gebracht und später mit 300 anderen Widerstandkämpfern im Rombergpark oder der Bittermark ermordet. Heinrich Czerkus musste für seine politische Überzeugung und seinen Widerstand gegen die Nazis mit dem Leben bezahlen. Der Gedenklauf für Heinrich Czerkus findet jedes Jahr statt, damit diese beispielhaften Menschen, die damals ermordet wurden, nicht vergessen werden.


Die Gebrüder Mörchel

Die Gebrüder-Mörchel-Straße gibt es seit Beginn des Jahres im Stadtbezirk Brackel. Karl und Erich Mörchel, zwei Brüder im Widerstand gegen die Nazis, ein Schicksal. Karl Mörchel wurde 1903 in Ostpreußen geboren und arbeitete als Bergmann auf Dortmunder Zechen. Sein Bruder, Erich Mörchel, wurde 1908 in Dortmund geboren. Die beiden Brüder waren Kommunisten, die im Untergrund aktiv waren. Sie organisierten ihre kommunistischen Treffen an unauffälligen Orten, zum Beispiel in Gartenlauben, dort planten sie mehrere Sabotageaktionen.

Erich Mörchel wurde im Juni 1933 festgenommen. Im darauffolgenden Jahr wurde auch sein Bruder verhaftet. Beide wurden wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ verurteilt. In verschiedenen Zeitungsartikeln war später zu lesen, wie die Verhörten im Gestapohaus Hörde gefoltert wurden. Während des Verhörs wurden Erich Mörchel die Haare büschelweise herausgerissen.

Karl und Erich Mörchel kannten das Risiko, welchem Sie sich aussetzten, hielten es aber trotzdem für ihre Pflicht, für ihre Meinung zu kämpfen. Am 9. Februar 1945 wurden die Brüder zum zweiten Mal verhaftet. Welche Folterungen sie über sich ergehen lassen mussten, ist nicht genau bekannt. Die Brutalität der Gestapo lässt es erahnen.

Am Karfreitag desselben Jahres wurden die Brüder mit anderen Dortmunder Widerstandskämpfern und Zwangsarbeitern ermordet im Rombergpark aufgefunden. Frau Marschefski, die Tochter von Erich Mörchel, hält die Erinnerung an ihren Vater und ihren Onkel wach und kämpft seit Jahrzehnten dafür, dass die Taten des nationalsozialistischen Terrorregimes nicht in Vergessenheit geraten. Sie ist ehemalige Generalsekretärin des Internationalen Rombergpark-Komitees. Wir danken Ihnen für Ihr Engagement!


Zwangsarbeiter

Viele Menschen wurden während des Zweiten Weltkriegs als Arbeitskräfte zwangsweise nach Deutschland verschleppt, da sie den Arbeitskräftemangel in der deutschen Kriegswirtschaft beheben sollten. Neben diesen aus vielen europäischen Ländern verschleppten Zivilarbeitern wurden auch Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge zur Arbeit in der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft gezwungen.

1940 bildeten die ausländischen Zivilarbeiter die größte Zwangsarbeitergruppe, und im Herbst 1944 befanden sind bereits 5,7 Millionen ausländische Zwangsarbeiter aus fast allen europäischen Ländern in der deutschen Wirtschaft. Die Rekrutierung hat sich im Laufe des Kriegs immer weiter ausgedehnt, so dass insgesamt bis zu 12 Millionen Menschen als Arbeitskräfte ins Deutsche Reich gebracht wurden. Sie stammten aus 20 Nationen, darunter Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion, Polen, Frankreich, Belgien und den Niederlanden.

Allein in Dortmund wurden in der gesamten Kriegszeit schätzungsweise 80.000 Personen zur Arbeit gezwungen. Die Unterkünfte der Zwangsarbeiter waren auch in Dortmund miserabel und unhygienisch. Sie wohnten in mit Stacheldraht umzäunten Barackenlagern auf den Werksgeländen. Ingesamt existierten 300 Lager im Dortmunder Stadtgebiet und eine Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald. Arbeitskräfte, die für die westfälische Industrie vorgesehen waren, wurden zuerst in Durchgangslagern untergebracht, um von da aus weiterverteilt zu werden. Hier wurden sie registriert und fotografiert.

Die Lebensverhältnisse der polnischen und sowjetischen Zwangsarbeiter waren am schlechtesten. Häufig fehlte ihnen das Essen, und sie waren schon nach einigen Wochen völlig unterernährt und arbeitsunfähig. Sie besaßen kaum Kleidung, und die meisten mussten aufgrund fehlender Schuhe in schlecht sitzenden Holzpantinen oder barfuß arbeiten. Ihre Baracken waren kaum beheizt und die hygienischen Zustände so katastrophal, dass sich lebensbedrohliche Krankheiten wie Tuberkulose und Fleckfieber sofort in den Lagern ausbreiteten und es somit unzählige Todesfälle gab.

Es war sogar verboten, den Zwangsarbeitern Medikamente zu verabreichen. Anstatt an Tuberkulose Erkrankte zu isolieren, wurden sie mit Schlägen gezwungen ihrer Arbeit nachzugehen. Für Schwache und Kranke konnten bereits der Transport und die katastrophalen Lagerverhältnisse den Tod bedeuten. Jeder Erkrankte war für die Arbeitgeber „nur“ ein Produktionsausfall und ein Kostenfaktor. Sogar vorgesehene Gesundheitsuntersuchungen fanden teilweise erst gar nicht statt, und die tagelangen Transporte erfolgten oft in Viehwaggons und ohne hygienische Vorsorge und Verpflegung.

Es ist festzuhalten: Das Leben der Zwangsarbeiter war gekennzeichnet durch schwere Arbeit, überlange Arbeitszeiten, engstes Zusammenleben unter unhygienischen Bedingungen, schlechte, ungeeignete und kaum ersetzbare Kleidung und Wäsche, mangelhafte Heizung und einseitige, mangelhafte und unzureichende Ernährung.

Eine große Zahl von Zwangsarbeiterinnen und -arbeitern starb an den katastrophalen Bedingungen. So starb zum Beispiel ein Mädchen aus der Ukraine, weil ihre Lunge voller Zement war. Die Deutschen hatten Schutzmasken bekommen, nur die Ausländer nicht. Ein anderer Grund waren Mangelerscheinungen und Hunger. Die Zwangsarbeiter wurden oftmals ohne Frühstück zur Arbeit geschickt. Mittags und abends gab es dann wässrigen Eintopf, der hauptsächlich aus Spinat und Rüben bestand. Kartoffeln galten schon als Delikatesse.

Viele Arbeiter wurden aber auch auf ihrer Flucht erschossen. Im März 1942 hieß es in einem Befehl: „Auf flüchtige Russen ist zu schießen mit der festen Absicht zu treffen!“

Für die Deportierten, Gefangenen und Zwangsarbeiter kam der Tod in vielen Formen: Krankheit und Auszehrung, Arbeits- und Verkehrsunfall und als Kriegstod durch Bomben, weil ihnen der Zutritt zu Bunkern und Kellern verwehrt wurde. Andere aber starben auch durch direkte Gewaltakte der Nazis, wobei Morde oft als Exekution oder Hinrichtung bezeichnet wurden.

Am Rennweg in Wambel befindet sich ein Friedhof für 5.698 Opfer aus 14 verschiedenen Nationen. Ein weiterer Friedhof befindet sich hier in der Bittermark. In der Krypta des Mahnmals hinter mir wurde ein unbekanntes Opfer der Karfeitagsmorde bestattet – symbolhaft für alle Unbekannten, die den Mördern zum Opfer fielen.


Die weiße Rose

Die „Weiße Rose“ war eine Widerstandsgruppe gegen das NS-Regime, welche sich im Frühjahr 1942 im Umfeld der Münchner Universität bildete. Mitglieder und Unterstützer waren vorwiegend Studenten, später auch Professoren und andere Intellektuelle. Die Geschwister Hans und Sophie Scholl, die Medizinstudenten Christoph Probst, Willi Graf, Alexander Schmorell und Professor Kurt Huber waren die Hauptakteure der Widerstandsgemeinschaft.

Die Gruppe leistete Widerstand, indem sie insgesamt sechs Flugblätter verteilte und regimefeindliche Parolen an öffentlichen Plätzen anbrachte. Die Studenten vereinte eine bereits jahrelange innere Gegnerschaft zum NS-Regime. Die brutale Diktatur, der Antisemitismus und besonders der Vernichtungskrieg im Osten waren starke Motive für den Widerstand.

Die meisten Mitglieder der „Weißen Rose“ waren von einer starken christlichen Glaubensüberzeugung geprägt. Darüber hinaus verbindet sie ein großes Interesse an Literatur und Philosophie. Ein Auslöser für den aktiven Widerstand waren die Predigten des Münsteraner Bischofs Clemens August Graf von Galen. Bischof Galen hatte offen die Verfolgungen durch die Gestapo angegriffen und die „Euthanasie“ als Mord an behinderten Menschen angeprangert und Strafanzeige gestellt. Durch den Bischof ermutigt, planten die Münchner Studenten zunächst die Weiterverbreitung der Predigten, entschlossen sich dann aber, eigene Flugblätter zu verfassen.

Die ersten Flugblätter wurden 1942 hergestellt und waren eine Gemeinschaftsarbeit von Hans Scholl und Alexander Schmorell. Später beteiligten sich auch andere. Schnell erschienen weitere vier Flugblätter, ein letztes, sechstes Flugblatt im Frühjahr 1943. Jedoch waren die Studenten gezwungen, ihre Widerstandstätigkeit zu unterbrechen, weil etliche von ihnen an die Ostfront einberufen wurden. Auch dort leisteten sie passiven Widerstand.

Am 18. Februar 1943 machten Sophie und Hans Scholl sich mit dem sechsten und letzten Flugblatt in einem Koffer auf den Weg, um die Blätter zunächst in der Universität auf Treppenstufen und Fensterbänken zu verteilen. Der Hausmeister Jakob Schmied stellte sie dabei, verhaftete sie und übergab sie umgehend der Polizei. Hans Scholl hatte noch einen handschriftlichen Entwurf von Probst in der Tasche, den er nicht schnell genug beseitigen konnte. Christoph Probst, Vater von drei Kindern, wurde am nächsten Tag verhaftet.

Obwohl die Geschwister Scholl versuchten, die gesamte Schuld auf sich zu nehmen, wurden alle drei am 22. Februar 1943 zum Tode verurteilt und noch am gleichen Tag hingerichtet. Alexander Schmorell versuchte zu fliehen, wurde jedoch einige Tage später verhaftet und starb zusammen mit Kurt Huber am 13. Juli 1943. Willi Graf wurde am 12. Oktober 1943 hingerichtet.

Fast 80 weitere Mitglieder des Kreises, die zum Teil nur am Rande mitgearbeitet hatten, wurden verhaftet. Sie wurden hingerichtet oder starben im Gefängnis oder im KZ. Als Hans Scholl hingerichtet wurde, waren seine letzten Worte: „Es lebe die Freiheit!“


Gemeinsam Widerstand leisten

Sehr geehrte Damen und Herren,

das, was hier vor 66 Jahren geschah, ist eines der schrecklichsten und grausamsten Verbrechen, die in Dortmund zur Zeit der Nazi-Diktatur begangen wurden. Das Gedenken verpflichtet uns, aufmerksam und konsequent auf Hass und Diskriminierung zu reagieren.

Auf meiner Schule gibt es einige Mitschüler und Mitschülerinnen mit ausländischen Wurzeln, und das ist auch gut so. Denn es ist wichtig, dass viele verschiedene Kulturen aufeinander treffen, damit eine große Vielfalt herrscht und Immigranten nicht diskriminiert werden und nicht in Angst leben müssen.

Wir, die Schüler der Geschwister-Scholl-Gesamtschule, beteiligen uns an dem Projekt „Schule ohne Rassismus/Schule mit Courage“. Wir wollen gemeinsam ein Zeichen gegen Rassismus setzten. Wir wollen, dass Rassismus, Faschismus und Diskriminierung keine Zukunft haben.

Ich möchte, dass alle meine Mitschülerinnen und Mitschüler, egal aus welchen Ländern sie stammen und welche Nationalität sie haben, egal welche Glaubensrichtung sie vertreten, genau so zufrieden leben können wie ich.

Denn auch heute noch gibt es bei uns Menschen, die rassistische und faschistische Ideen und Gedanken haben.

Wenn wir zusammenhalten, wenn alle Menschen gemeinsam, egal ob jung oder alt, gegen Nazis Courage zeigen, dann schaffen wir das auch, dass alle meine Mitschülerinnen, egal woher sie kommen oder woher sie stammen, in Ruhe und in Frieden hier in Deutschland leben können. Das Gedenken an die Opfer der Nazi-Verbrechen ist ein Thema, das auch heute noch alle angeht. Wir müssen gemeinsam gegen die Nazis vorgehen!

Seit einigen Jahren gibt es immer größere Veranstaltungen gegen die Naziszene in Dortmund, weil sie hier in unserer Stadt ihre unsäglichen Aufmärsche veranstalten. Auch dieses Jahr am 3. September werden zahlreiche Aktionen und Veranstaltungen gegen Nazis in Dortmund stattfinden. Ich hoffe natürlich, dass zahlreiche Menschen, egal wie alt sie sind, an diesem Tag ein Zeichen gegen Rechts setzen.

Ich rufe dazu auf, dass wir alle gemeinsam den rechten Gruppierungen zeigen, dass sie hier unerwünscht sind, und dass wir alle Widerstand leisten!

„Ihr seid uns nicht vergessen!“

Die Rede von Ernst Söder, Vorsitzender des Fördervereins Steinwache / Internationales Rombergpark-Komitee

Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Jörder,
liebe Schülerinnen und Schüler der Geschwister-Scholl-Gesamtschule,
verehrte Anwesende und Freunde aus dem In- und Ausland!

Das Ende des Krieges war absehbar, die alliierten Truppen standen vor der Stadt. Doch die Henker der Nazidiktatur mordeten weiter. Fast 300 Widerstandskämpfer und Zwangsarbeiter aus sieben Nationen fielen einem letzten Blutrausch auf Dortmunder Boden zum Opfer. Dieses Verbrechen geschah vor 66 Jahren, im April 1945, in der Dortmunder Bittermark, im Rombergpark und am evangelischen Friedhof in Hörde.

Dort hatte man Leichen in Bombentrichtern gefunden. Die Nachricht darüber verbreitet sich schnell. Ein Landwirt hatte um Ostern herum an einigen Tagen frühmorgens Schüsse gehört. Als er nachsehen wollte, was das zu bedeuten habe, trat ihm ein SS-Mann entgegen, der ihm andeutete, dass neue Waffen ausprobiert würden und er sich wieder in sein Haus begeben solle.

Viele Menschen suchen in diesen Tagen einander. Der Sohn des Bergmanns Schwartz aus der Singerhoffstraße in Hombruch will seinen Vater finden, der bei der Gestapo in der Benninghofer Straße in Hörde inhaftiert war. Er hört von den Gerüchten. Er hört: „Bittermark, Rombergpark, Lastwagen, Schüsse, Hundegebell, verschüttete Bombentrichter“. Der junge Mann befürchtet, dass sein Vater von den Nazis ermordet worden ist. Er will Gewissheit und versucht, seinen Vater zu finden. Im Lehm eines zugeschütteten Bombentrichters beginnt er zu graben. Nach kurzer Zeit stößt er auf die Brust eines Menschen. Immer mehr Trichter werden danach geöffnet, immer mehr Tote geborgen. Sie sind erschossen,  verstümmelt und erschlagen worden.

Vor dieser erbarmungslosen und brutalen Mordmaschinerie wurden die Frauen und Männer im Keller der Gestapohölle in der Benninghofer Straße in Hörde zusammengepfercht. Viele Gefangene wurden noch vor dem Todestransport systematisch gefoltert, mit Stacheldraht und Bindedraht gefesselt und zu den Bombentrichtern in die Bittermark verschleppt. Gesetze der Moral und Menschlichkeit waren außer Kraft gesetzt, und die tödliche Angst vor der Zukunft trieb die faschistischen Tyrannen zu verzweifelten Taten gegen all diejenigen, von denen sie annahmen, sie würden sich an den braunen Gewaltherrschern rächen. Zwischen Trümmern und Mord arbeitete selbst in diesen Tagen noch ein pedantischer Büroapparat.

Zwölf Jahre hatte der Nationalsozialismus die größten Verbrechen begangen, die unsere Geschichte aufzuweisen hat. Im März und April 1945 fügte er ein letztes in Dortmund hinzu. Als Karfreitagsmorde gingen diese Verbrechen in die Geschichte ein, mit denen die Nazis noch kurz vor Kriegsende die Widerstandsbewegung zerschlagen wollten. Diese von einem zivilisierten Verhalten weit entfernte Barbarei der Gestapo war dennoch nicht nur eine Tat bloßer Willkür, sondern Ausdruck des Wesens des faschistischen Systems. Schriftliche Mordanweisungen der Reichsregierung waren dem Massaker vorausgegangen.

Sieben Jahre nach den Ostermorden begann im Jahre 1952 vor dem Dortmunder Schwurgericht der Prozess gegen die Täter dieses grausamen Verbrechens. Am 4. April 1952 erging das Urteil: Von den 28 Angeklagten wurden 15 freigesprochen! Einer der Beamten erhielt eine Zuchthausstrafe von 6 Jahren, die meisten der übrigen Verurteilten wurden mit durchschnittlich 6 Monaten Gefängnis bestraft, die durch die Untersuchungshaft meistens abgegolten war!

„Die Angeklagten hätten die Befehle ausgeführt“, so das Gericht wörtlich, „weil sie unter dem Militärstrafgesetz stehende Personen gewesen seien, denen zudem ein Notstand bei der Befehlsausübung zugebilligt werden müsse“. Die Richter des Landgerichtes vertraten die Auffassung, die Schuld an dem Verbrechen treffe allein den Vorgesetzten, der die Befehle zur Exekution gab. Dieser war jedoch bei dem Prozess nicht anwesend. Das Urteil mag ein Indiz dafür sein, dass in den fünfziger Jahren auch noch ehemalige Nazis in wichtigen Positionen des Landgerichtes beschäftigt waren und ihre Parteifreunde schonen wollten. Die braune Vergangenheit war längst nicht überwunden.

Heute sind wir hier am Mahnmal in der Bittermark zusammengekommen, um erneut an die grausamen Ereignisse zu erinnern und um der Opfer zu gedenken. Die Stadt Dortmund und die vielen antifaschistischen Organisationen haben in unserer Stadt eine „Kultur des Erinnerns“ geprägt, die  in diesem Ausmaße kaum anderswo zu finden ist. Und da möchte ich insbesondere auch die Arbeit in und mit der Steinwache einbeziehen, einer Mahn- und Gedenkstätte, die in besonderer Weise die Geschehnisse des Dortmunder Widerstandes repräsentiert und ein unvergleichbarer Ort der Erinnerung ist.

Ewiggestrige sind jedoch bestrebt, von den Ursachen des Faschismus und von dem unermesslichen Leid der Hitlerdiktatur und seiner Verbrechen in Deutschland abzulenken. Es gibt in unserem Land und anderswo in Europa neofaschistische Umtriebe, die nicht verharmlost und unbeobachtet bleiben dürfen. Wir müssen weiterhin, wie wir das insbesondere auch hier in Dortmund getan haben, uns gegen die Aufmärsche der Nazis wehren.

Staatliches Handeln gegen die Neonazis ist mehr als notwendig. Ihre Aufmärsche sind zu verbieten, ein neues Verbotsverfahren sollte auf den Weg gebracht werden. Es ist unerträglich, jedes Jahr von Neuem erleben zu müssen, dass  durch oberste Gerichtsentscheidungen die Verbotsverfügungen der Polizei und der Stadt verworfen werden und den Nazis erlaubt wird zu demonstrieren. Das kann auf Dauer so nicht bleiben. Nazis sind Verbrecher, denen wir uns in den Weg stellen müssen. Doch so lange die Regierenden in unserem Land sich mehr Sorgen um die Demonstrationsfreiheit für die Neonazis machen, als den Schutz der Bevölkerung und der Demokratie vor ihren Feinden zu garantieren, wird es nicht so leicht gelingen, eine Mehrheit für ein NPD-Verbot zu finden.

Vielleicht ist es das wichtigste Erbe der deutschen Geschichte, dass wir wissen, wozu Menschen fähig sind, die sich einer faschistischen Ideologie verschrieben haben, die ihren Gegnern die Menschenwürde nimmt. Unsere Vergangenheit können wir nicht mehr verändern oder gar bewältigen. Sie lastet auf vielen in unserer Gesellschaft. Gestalten können wir aber die Gegenwart und aus der Vergangenheit  für die Zukunft lernen.

Das Dortmunder Manifest „Von jung bis alt – gegen braune Gewalt“ ist beispielsweise eine jüngste Initiative gegen rechten Populismus und Demagogie, Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in Dortmund. Zu diesem Manifest haben sich viele Dortmunder Bürger, der Rat der Stadt und insbesondere auch junge Menschen bekannt. Ein junger Mann schreibt als Bekenntnis zu dem Manifest: „Ich habe nichts gegen freie Meinungsäußerung, aber Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!“

Und zwei weitere Beispiele möchte ich nennen, die uns Mut machen und aufzeigen, was man tun kann. Die Aktion „90 Minuten gegen rechts“, mit denen die DGB-Jugend Schüler über faschistische Umtriebe aufklärt, verzeichnet einen Nachfragezuwachs. Die Gewerkschaftsjugend bietet Workshops zu den Themen rechte Symbole, Musik, Parteien, Argumente und rechte Szene an. Hier werden junge Menschen angesprochen, die wiederum eigene Fragen und Antworten erarbeiten.

Und eine andere Initiative von Jugendlichen, die gemeinsam in Auschwitz waren, möchte ich nicht unerwähnt lassen:  „Botschafter der Erinnerung“, eine Weiterentwicklung der Dortmunder Erinnerungsarbeit, durchgeführt vom Jugendring Dortmund in Zusammenarbeit mit anderen Vereinigungen und Unterstützung des Dortmunder Oberbürgermeisters, ist ein herausragendes Beispiel, wie man sich mit der NS-Vergangenheit auseinandersetzen kann. Und auch den Schülerinnen und Schülern der Geschwister-Scholl-Gesamtschule möchte ich meinen Respekt bekunden, dass sie heute die Gedenkveranstaltung mitgestalten werden und sich mit den Ereignissen 1945 auseinandergesetzt haben.

Auszüge aus dem Mahnruf der toten Frauen von Ravensbrück, geschrieben von Auguste Lazar, möchte ich zum Abschluss meiner Ausführungen zitieren:

„Schwestern, vergesst uns nicht,
vergesst nicht die Toten von Ravensbrück!
Wenn ihr uns vergesst, war unser Sterben umsonst,
umsonst die Tränen, die wir geweint,
umsonst die Qualen, die wir gelitten,
umsonst der Schweiß, der von uns geflossen,
in tiefer Erniedrigung, schrecklicher Angst,
das Grauen, der Tod.
Wenn ihr uns vergesst, war unser Sterben umsonst.“

Wir vergessen die Toten nicht. Wir gedenken der Opfer, und wir erinnern an sie. Wir rufen ihnen zu: „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg! Ihr seid uns nicht vergessen!“

Vor uns liegt ein langer Weg. Ich hoffe und wünsche mir: ein Weg des Friedens, der Toleranz und der freundschaftlichen Verständigung unter den Menschen.

Geschichte bleibt Teil der Gegenwart

Grußwort der Bürgermeisterin Birgit Jörder  

Sehr geehrter Herr Söder,
liebe Schülerinnen und Schüler der Geschwister-Scholl-Gesamtschule,
verehrte Gäste aus dem In- und Ausland,
liebe Dortmunderinnen und Dortmunder,

in guter Tradition versammeln wir uns jedes Jahr am Karfreitag hier am Mahnmal in der Bittermark. Wir gedenken der Menschen, die noch in den allerletzten Kriegstagen durch nationalsozialistische Mordgesellen an diesem Ort umgebracht wurden. Fast 300 Frauen und Männer – Widerstandskämpfer, Kriegsgefangene, Verschleppte – Menschen aus Belgien, Frankreich, Jugoslawien, den Niederlanden, Polen, Russland und Deutschland – ihre genaue Zahl kennen wir nicht, von vielen nicht einmal den Namen.

Nur wenige Tage vor dem Einmarsch amerikanischer Truppen wurden sie aus dem Hörder Gestapo-Keller hierher verschleppt, ermordet und in Bombentrichtern verscharrt. Eilig machten sich ihre Mörder anschließend aus dem Staub. Die Brutalität und Sinnlosigkeit dieser Mordaktion in den letzten Stunden eines schon verlorenen Krieges erschüttert jedes Mal aufs neue. Soweit die Knechte des Terrors später vor Gericht gestellt wurden, beriefen sie sich auf Befehl und schuldigen Gehorsam. Man fragt sich noch heute, wie tief ein Mensch gesunken sein muss, um solchen Befehlen zu gehorchen.

Karfreitag ist der Tag der Trauer und Klage. Trauer und Klage schulden wir den Opfern, die hier ihr Leben ließen. Ich denke besonders an die vielen jungen Menschen, mit deren Tod an diesem Ort auch ihre Wünsche, Hoffnungen und Begabungen ins Grab sanken. Ich denke an ihre Angehörigen, die mit Ungewissheit, Schmerz und manch‘ bleibender seelischer Verletzung fertig werden mussten. Der Nationalsozialismus hatte nicht nur Europas Städte in Trümmer gelegt, er hatte auch in Kopf und Herz vieler Menschen schlimme Verheerungen angerichtet.

Wir Dortmunder stellen uns diesem finsteren Teil unserer Geschichte, mit Scham und mit Trauer, aber auch mit dem festen Willen, unseren Beitrag zu leisten, damit sich ein solches Grauen nicht wiederholen kann. Die Verbrechen vergangener Tage können wir nicht ungeschehen machen. Aber wir können und müssen die Verantwortung dafür übernehmen, dass sie nicht vergessen werden. Dass wir Lehren für den Schutz unseres Gemeinwesens daraus ziehen, besonders dann, wenn aufgeheizter Rassismus und Nationalismus ihre dumpfen Parolen grölen.

Nach dem zweiten Weltkrieg haben wir den Weg zu einem rechtsstaatlichen Gemeinwesen in einer Wertegemeinschaft freier Völker beschritten. Das war nur möglich, weil uns die Gegner von damals die Hand zur Versöhnung gereicht haben. Menschen, die jahrelang unter Terror und Gewaltherrschaft der deutschen Aggression gelitten hatten, waren bereit, die Zukunft Europas gemeinsam mit uns zu gestalten. Das allein erlegt uns schon die Verpflichtung zu einer Kultur verantwortungsvoller Erinnerung auf. Entschlossen treten auch wir  Dortmunder jedem Versuch entgegen, das schlimmste Kapitel deutscher Geschichte vergessen, verharmlosen oder relativieren zu wollen.

Das Mahnmal in der Bittermark wirkte bald nach seiner Errichtung über die Grenzen unseres Landes hinaus. Wir haben es dankbar als eine Geste der Verständigung empfunden, dass schon früh ehemalige Kriegsgefangene und Deportierte zu den jährlichen Gedenkstunden nach hier kamen und immer noch kommen. Ihnen möchten wir Erinnerung in Würde ermöglichen und mit ihnen gemeinsam das Gedenken an die Toten teilen.

Eine wichtige Rolle spielen dabei unsere französischen Freunde. Leider konnte niemand von ihnen dieses Jahr nach Dortmund kommen. Das fortschreitende Alter fordert da leider seinen Tribut. Besonders vermissen wir in diesem Jahr den Ehrenpräsidenten der Französischen Vereinigung der Arbeitsdeportierten, Herrn Jean-Louis Forest. Im Alter von 89 Jahren starb er Weihnachten vergangenen Jahres.

Als ehemaliger Arbeitsdeportierter setzte er sich schon früh für eine deutsch-französische Verständigung und Versöhnung ein. Nach ersten Kontakten 1956 wurde er zur treibenden Kraft für eine Beteiligung und Mitwirkung seines Landes an diesem Mahnmal. Mit auf seine Initiative hin übernahmen der französische Staat und die Vereinigung der Arbeitsdeportierten die Kosten für die Ausgestaltung der Krypta durch einen französischen Künstler.

Am Karfreitag 1958 war es dann soweit. Unter großer deutsch-französischer Anteilnahme wurde ein unbekanntes französisches Opfer des finalen Nazi-Terrors in der noch unfertigen Krypta zur letzten Ruhe gebettet. Anschließend übernahm Jean Louis Forest den Schlüssel zur Krypta als symbolischer Hüter dieses Ortes, der für ihn ausdrücklich immer ein Ort der Trauer und des Erinnerns für die Opfer aller Nationalitäten sein sollte. Heute ist die Krypta mit ausdrücklicher deutscher Zustimmung eine französische Enklave, also ein exterritoriales Stück Frankreich auf Dortmunder Boden. Das ist ein ganz besonderes Symbol für unsere Versöhnung und Freundschaft, nimmt uns zugleich aber auch in besondere Verantwortung.

Jean-Louis Forest hat sich um die französisch-deutsche Verständigung und Freundschaft in dieser Region hohe Verdienste erworben. Sein Leben ist beispielhaft für das Wirken vieler  Europäer, die als geschundene Opfer deutscher Aggression nach Kriegsende weitsichtig über Hass, Verletzung und Schmerz hinaus in die Zukunft dachten. Ohne Menschen wie ihn wäre das Haus Europa nie gebaut worden. Die Stadt Dortmund sieht in ihm einen besonderen Freund und ehrte ihn 1980 als ersten Ausländer mit dem Ehrenring der Stadt. Bis ins hohe Alter war er regelmäßiger Teilnehmer unserer jährlichen Gedenkveranstaltung. Jeder, der ihm bei dieser Gelegenheit begegnete, konnte spüren, wie wichtig ihm dieses gemeinsame Erinnern war. Ich erinnere an seine Worte zum 20. Jahrestag der Einweihung unseres Mahnmals:

„Dieser Jahrestag ist ein Zeichen des gemeinsamen Willens der Französischen Vereinigung der Arbeitsdeportierten und der Stadt Dortmund, in Ehrfurcht unseren toten Brüdern verbunden zu bleiben und stets wachsam zu sein, damit sich solche Gräuel nicht wieder ereignen.“

Sich erinnern und wachsam sein. Ein Plädoyer für Verantwortung und gegen Vergessen. Weitsichtige Verständigung und großmütige Versöhnung haben nach dem zweiten Weltkrieg den Weg zu einer Epoche der Vernunft geebnet. Vernunft, die Lehren aus der Vergangenheit zieht; Vernunft, die auf die Herrschaft des Rechts baut; Vernunft, die den Menschen als Mitmenschen achtet, dem man mit Respekt und Toleranz zu begegnen hat.

Geprägt war dieser Weg durch die persönliche schmerzliche Erfahrung der Zeitzeugen des nationalsozialistischen Terrors. Aber diese Zeitzeugen werden immer weniger. Umso wichtiger ist es, dass jüngere Generationen die Fackel der Erinnerung übernehmen und in die Zukunft weitertragen. Ich freue mich deshalb sehr, dass auch dieses Jahr wie schon in der Vergangenheit junge Dortmunderinnen und Dortmunder sich an dieser Feier beteiligen. Schülerinnen der Geschwister-Scholl-Gesamtschule und der Jugendchor „Teenclouds“ des MGV Brackel tragen zum würdigen Rahmen dieser Feierstunde bei, wofür ich ihnen sehr herzlich danken möchte. Junge Mitbürgerinnen und Mitbürger setzen damit für ihre Generation ein Zeichen.

Der dunkelste Teil unserer Geschichte darf nicht im Dunkel des Vergessens verschwinden. Das sind wir nicht nur den Opfern schuldig. Das sind wir uns selbst und unseren Nachfahren schuldig. Nur eine wache, verantwortungsvolle Auseinandersetzung mit unserer Geschichte schärft unsere Sinne für die allgegenwärtige Gefahr von Unrecht und sittlicher Barbarei. Der amerikanische Schriftsteller William Faulkner sagte einmal sehr treffend: „Geschichte ist nicht gewesen, Geschichte ist.“ In der Tat kann es für diese wie künftige Generationen keine Entwurzelung aus der Geschichte geben! Geschichte bleibt Voraussetzung und damit Teil der Gegenwart.

Die Lehren der Vergangenheit beherzigen und sie aktiv in die Gestaltung von Gegenwart und Zukunft einzubringen, das bleibt ständige Aufgabe. Intoleranz und Rassenwahn, die Arroganz des Besserwissens und Besserseins, die Verachtung des Andersdenkenden und Andersbetenden – all das war einst der Nährboden für die Verbrechen, deren Opfer wir hier betrauern.

Und leider muss man sagen: Die Gesinnung rassistischer und kultureller Überheblichkeit begegnet uns auch heute noch viel zu oft. Umso wichtiger ist es, dass dem schon die junge Generation das deutliche Zeichen entgegensetzt: Nicht mit uns! Waches Bewusstsein und bürgerschaftliches Engagement, ethisch begründetes Denken und Handeln, Respekt füreinander und Solidarität miteinander – das schützt und festigt unsere demokratische und rechtsstaatliche Ordnung und lässt dem Ungeist der Vergangenheit keine Chance. Das schulden wir denen, die wir hier betrauern.

Meine Damen und Herren, mit dem Mahnmal Bittermark haben wir in internationaler Zusammenarbeit eine würdige und bewegende Erinnerungsstätte geschaffen. Die Mahnung, die von hier ausgeht, hat nichts von ihrer Dringlichkeit verloren: Haltet die Erinnerung an die hier ermordeten Menschen wach, damit sich solche Verbrechen niemals wiederholen.

Erinnerung an Jonas Bleiberg

Beiträge der Jugendgruppe der SJD Die Falken Brackel auf dem Internationalen Friedhof


Erinnerung an Jonas Bleiberg aus Dortmund

Jonas Bleiberg, geboren in Polen im Jahre 1902, kam Anfang der 1930er Jahre nach Dortmund und wohnte dort zwischen Heiligegartenstraße und Leopoldstraße.

1938 wurden viele jüdische Polen in einem Transport an die deutsch-polnische Grenze gefahren. Leider wollten die Polen ihre Landsleute auch nicht haben, so dass Jonas einige Zeit im Niemandsland lebte. Jonas Bleiberg schlug sich aber wieder nach Dortmund durch. Wann er genau wieder in Dortmund war, können wir zur Zeit noch nicht sagen.

Jonas war Mitglied einer verbotenen Organisation, einer kommunistischen Organisation. Dies ist nur aufgefallen, weil er bei einer Hauskassierung beobachtet und anschließend denunziert wurde. Im doppelten Deckel seiner Taschenuhr wurden entsprechende Mitgliedsmarken gefunden.

Danach wurde Jonas Bleiberg von Dortmund zunächst in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht. Anschließend war er noch in Buchenwald, wo er nach offiziellen Angaben am 16. März 1942 starb. Ob Jonas Bleiberg eines natürlichen Todes gestorben ist oder ob er ermordet wurde, ist noch nicht abschließend geklärt. Diesbezüglich werden wir in nächster Zeit mit dem Archiv in Buchenwald Kontakt aufnehmen.

Ob Jonas Bleiberg in Buchenwald oder woanders verbrannt wurde, ist auch noch nicht ganz klar. Wahrscheinlich aber in Weimar, da es im Jahre 1942 noch kein eigenes Krematorium im Lager Buchenwald gab. Die Urne mit Jonas Bleiberg wurde dann nach Dortmund überstellt, so dass er am 12. Juni 1942 beigesetzt werden konnte. Laut Angaben der Friedhofsverwaltung Dortmund wurde die Urne im September 1962 noch einmal umgesetzt, auf das Feld, wo sie sich heute noch befindet.

Wir, die Teens-Gruppe der Falken Brackel, sind durch einen Mitarbeiter des Internationalen Bildungs- und Begegnungswerks Dortmund auf Jonas Bleiberg aufmerksam gemacht worden. Er traf sich mit uns und erzählte uns einiges über Jonas Bleiberg und eine noch lebende Verwandte in Amsterdam. Mittlerweile haben wir ihr Fotos gemailt: Wie wir die Grabanlage vorgefunden haben und wie sie jetzt aussieht, nachdem wir sie mit ihrer Zustimmung gereinigt haben. Wir werden versuchen, viele Fragen, die wir haben, mit ihr zu erörtern, und wünschen uns, sie vielleicht einmal in Amsterdam besuchen zu können.


Das Ärgernis
von Erich Fried

Wendet euch nicht ab,
sondern schaut,
Ihr braven Bürger,
den jungen Neonazis,
die in eurer Stadt von neuem den Glauben
an den alten Irrsinn gelernt haben,
tief in die Augen.
Ihr schaut nicht genau genug hin,
wenn Ihr in diesen blauen oder braunen oder auch grauen Augen
nicht einen Augenblick lang euer eigenes Spiegelbild seht!


Als sie die Anderen holten
nach Martin Niemöller, evangelischer Theologe (1892-1944);
moderne Fassung der Droste-Hülshoff-Realschule aus dem Jahr 2009

Niemöller schrieb:

„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.“

Als die Neonazis in der Straßenbahn Ausländer anpöbelten, habe ich weggeschaut; ich war ja kein Ausländer.

„Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.“

Als die Neonazis Behinderten den Eintritt in die Disco verweigerten, habe ich nicht protestiert; ich war ja nicht behindert.

„Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich nicht protestiert; ich war je kein Gewerkschafter.“

Als die Neonazis jüdische Mahnmale schändeten, habe ich mich nicht eingemischt; ich war ja kein Jude.

„Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

Als wir zu der Gedenkveranstaltung auf dem Ehrenfriedhof eingeladen wurden, haben wir spontan zugesagt, denn wir müssen gemeinsam, Jung und Alt, gegen Rechtsextremismus und Neonazis sein.

„Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit“

Die Rede von Ulrich Sander am  Karfreitag 2011 auf dem Internationalen Friedhof in Dortmund-Brackel

Elie Wiesel hat gesagt – und ich fand es auf einem Gedenkstein für Naziopfer in Minden: „Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit.“ Wir stehen hier vor der Informationstafel, die Auskunft gibt über das Schicksal derer, die hier begraben sind. 6.000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, zumeist aus Osteuropa, ließen im Krieg hier in Dortmund ihr Leben. Wer von den Dortmundern ihnen half – und das taten zum Glück einige – wurde hart bestraft. Doch die meisten halfen nicht. Sie hassten auch nicht. Sie waren gleichgültig.

Sie hatten nichts dagegen, dass die Zwangsarbeiter nicht in die Luftschutzkeller durften. Hauptsache sie selbst hatten Platz. Und so starben Tausende. Und viele Dortmunder wissen es heute gar nicht. Die ausgezeichnete Gedenkkultur in unserer Stadt, auch die Gedenkstätte Steinwache, bietet wenige Informationen über die Lage der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Es wird auch ausgespart, welche verbrecherische Rolle die Ruhrindustrie im Umgang mit diesen Menschen spielte. Als wir eine Mahntafel wie diese am Eingang des Stahlwerks am ehemaligen Emschertor in Hörde vorschlugen, dort wo die Reste eines „Arbeitserziehungslagers“ der Vereinigten Stahlwerke standen, die nun im Phönixsee versinken, da sagten uns die Stadtoberen diese Tafel zu. Doch der See entsteht, und die Tafel ist nicht in Sicht.

„Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit.“ Dieser Satz aus der Feder des Schriftstellers und Überlebenden von Auschwitz und Buchenwald kam mir in den Sinn, als ich in der BILD-Zeitung las: „Wir wollen ein deutliches Signal nach Osteuropa senden, um den weiteren Zuzug von Bulgaren und Roma zu verhindern. Dazu müssen wir die Haupteinnahmequelle trockenlegen.“ BILD schrieb den Spruch dem Sprecher einer Volkspartei zu. Osteuropäer und Roma, die einst millionenfach hierher gebracht wurden, die eine Haupteinnahmequelle des deutschen Kapitals wurden, um dann per Vernichtung durch Arbeit beseitigt zu werden, sie sind heute im freien grenzenlosen Europa nicht mehr willkommen? Als Torschützen für Borussia vielleicht, aber nicht als arme Leute. Wie kann man so über die Roma sprechen, die gleich den Juden dem Holocaust ausgeliefert waren?

Gestern wurde entschieden, den Rassisten Sarrazin in der SPD zu belassen. Die Begründung, die ein prominenter Kommunalpolitiker dazu gab, war diese: „Wir müssen die Ängste der Bevölkerung berücksichtigen.“ Zur Bevölkerung zählt er nur die Deutschen. Die Ängste der Nichtdeutschen, die Sarrazin auslöste, die sind den Leuten egal?

Ist es uns wirklich egal, wie es den anderen geht? Wer nicht unter Hartz IV fällt, geht nicht zur Montagsdemo. Wem keine Bomben auf den Kopf fallen, dem sind die deutschen und die NATO-Kriege in aller Welt egal?  Wir produzieren Waffen für den Rüstungsexport, es geht ja um unsere Arbeitsplätze. Bei anderen geht es um ihr Leben.

Ich möchte schließen mit einem anderen Ausspruch von Elie Wiesel: „Man muss Partei ergreifen. Neutralität hilft dem Unterdrücker, niemals dem Opfer. Stillschweigen bestärkt den Peiniger, niemals dem Gepeinigten.“ Schweigen wir nicht! Ergreifen wir Partei für die Flüchtlinge von Lampedusa, aber auch bei uns! Wir müssen uns auch immer wieder das Wort der Geschwister Scholl in Erinnerung rufen: „Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den Ihr um euer Herz gelegt! Entscheidet euch!“

Rechtsentwicklung in Europa

Zusammenfassung des Vortrages von Dr. Ulrich Schneider, Generalsekretär der FIR, auf der Vollsitzung des Fördervereins Gedenkstätte Steinwache/Internationales Rombergparkkomitee am Gründonnerstag, dem 21. April 2011, in Dortmund

1. Die politische Situation in Europa wird durch eine zunehmende Rechtsentwicklung geprägt. Ausdruck davon sind Wahlergebnisse offen rassistischer und faschistischer Parteien in Europa und eine ideologische Offensive der Rechtskräfte, die mit einer Totalitarismus-Doktrin das historische Gedächtnis verändern und neue geschichtspolitische Orientierungspunkte setzen wollen.

In verschiedenen baltischen Republiken erleben wir die Umdeutung der faschistischen Kollaboration in „Freiheitskampf“. Insbesondere in Lettland und Estland können SS-verherrlichende Verbände ungehindert bzw. mit gerichtlicher Erlaubnis ihre Aufmärsche durchführen. In der West-Ukraine gilt Stepan Bandera, der Führer der Organisation Ukrainischer Nationalisten, die mit der faschistischen Wehrmacht kollaborierten und an Massenverbrechen in Lwow/Lemberg beteiligt waren, als „Nationalheld“.

2. Bei nationalen Parlamentswahlen in Ungarn (FIDESZ und JOBBIK – der gewalttätige Arm), Belgien (nicht mehr Vlaams Belang, dafür Flämische Nationalisten), Schweden (Schweden-Demokraten mit Verbindung zu gewalttätigen Rassisten) und den Niederlanden (Geert Wilders) verzeichneten rechtspopulistische und neofaschistische Parteien erschreckende Zuwächse. Solche Erfolge werden von rechten Gruppierungen und Parteien in anderen Ländern Europas analysiert, aufgenommen und modifiziert.

Die neue Attraktivität einer Marine Le Pen (Front National) zeigt, dass moderater Faschismus ähnlich wie in Italien (Fini – Alleanza nazionale) eine hohe Akzeptanz im gesellschaftlichen Mainstream besitzt. Welche gesellschaftliche Wirkung Rechtspopulismus und insbesondere Antiislamismus entfalten kann, sehen wir an dem Abstimmungsverhalten in der Schweiz (SVP-Blocher, Minarett-Verbot, Waffenbesitz etc.)

Es gibt Bestrebungen zur Vernetzung von rechtspopulistischen und neofaschistischen Strukturen auf europäischer Ebene (Dresden-Teilnahme/“Tag der Ehre“ in Budapest). Sie werden durch den jeweiligen Nationalismus bzw. Rassismus begrenzt. (Rumänien und Italien/Italien und Südtirol/Haltung zu Israel etc.)

3. In dieser gesellschaftlichen Situation versuchen die politisch hegemonialen Rechtskräfte in Europa, z.B. die Europäische Volkspartei (ihr gehören aus Deutschland die CDU und CSU an), zusammen mit nationalistischen Kräften in mittel- und osteuropäischen Staaten, durch die Etablierung neuer Gedenktage wie dem 23. August als „Gedenktag gegen Totalitarismus“, die in den 80er Jahren zurückgedrängte Totalitarismus-Doktrin zu reaktivieren. Nicht die Erinnerung an den faschistischen Terror und den antifaschistischen Widerstand, sondern die Gleichsetzung von Faschismus und sozialistischen Herrschaftsformen soll das Geschichtsbild Europas prägen.

Damit wird der europäische geschichtspolitische Konsens der 90er Jahre nach rechts verschoben. Beispiele auf der Ebene des Staatshandelns: Polen, Ungarn, Tschechische Republik – Strafbarkeit des Zeigens „kommunistischer Symbole“; Ungarn – Gesetz gegen Auschwitzleugnung durch „Verbot der Leugnung der kommunistischen Verbrechen“ ergänzt; Kroatien – neues Gesetz über den Schutz der Gräber der „kommunistischen Gewaltherrschaft“; Bulgarien – Verleugnung der Geschichte der monarcho-faschistischen Herrschaft.

4. Gegen solche geschichtspolitischen Vorstöße können wir nicht alleine erfolgreich sein. Dazu benötigen wir Partner in unserem Land und als antifaschistische Organisationen mit lange bestehenden internationalen Kontakten Mitstreiter in ganz Europa, die sich ebenfalls aktiv in solche Auseinandersetzungen einbringen.

Unser Ziel muss es sein, offensiv gegen die Versuche einer Etablierung der Totalitarismus-Doktrin als erkenntnisleitende These der Geschichtssicht vorzugehen. Dazu sollten wir, auch gegen den ideologischen Mainstream, die Erklärung des Europäischen Parlaments zum Schutz der Gedenkstätten und gegen die Vermischung der KZ-Geschichte mit jeglichen Formen der Nachnutzung vom 11. Februar 1993 verteidigen.

In der praktischen Geschichtspolitik auf internationaler Ebene sollten wir die Initiativen der FIR und deren Projekte unterstützen, unter anderem das Ausstellungsprojekt der FIR im Herbst 2011 zum Europäischen Widerstand und das geplante Internationale Jugendtreffen der FIR im Mai 2012 in Auschwitz.

Einladung zum Karfreitag 2011 in der Bittermark

Die Stadt Dortmund veranstaltet am Karfreitag, dem 22. April 2011, um 15 Uhr am Mahnmal in der Dortmunder Bittermark die alljährliche Gedenkfeier für die Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft.

Es sprechen Bürgermeisterin Birgit Jörder, Ernst Söder vom Förderverein Gedenkstätte Steinwache/Internationales Rombergpark-Komitee e.V. sowie die Schülerinnen und Schüler der Geschwister-Scholl-Gesamtschule Nathalie Beier, Luca Fröhlich, Janina Herwig, Alina Müller, Ebru Öztürk, Nicole Santehanser, Jana Seifert, Annika Wessing und Kimberly Zolper. Musikalische Darbietungen gibt es von den Posaunenchören aus Dortmund und dem „Teenclouds“-Jugendchor des MGV Brackel; die Moderation übernimmt Klaus Lenser.

Aufruf des DGB Dortmund-Hellweg
In der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft kämpften Menschen vieler Nationen für die Zerschlagung des Faschismus, für eine Welt ohne Faschismus und Krieg, für Völkerverständigung und Demokratie. Zwischen dem 7. März und dem 12. April 1945 ermordeten Gestapo und SS im Rombergpark, in der Bittermark und in Hörde etwa 300 politische Gefangene und Widerstandskämpfer aus sieben Ländern – Deutsche, Polen, Sowjetbürger, Jugoslawen, Belgier, Holländer und Franzosen – auf heimtückische und bestialische Weise.

Heute, 66 Jahre nach der Befreiung vom Faschismus, gedenken wir jener Männer und Frauen, die geschunden und ermordet wurden. Wir wollen und können nicht akzeptieren, dass Rassenhetze und Faschismus-Verherrlichung in unserem Land wieder um sich greifen. Neofaschistische Umtriebe und Überfälle können nicht verharmlost werden. Rechtsextremismus und Gewalt müssen bekämpft werden! Wer sie toleriert, akzeptiert Terror, Gewalt und Kriegshetze! Wir werden auch weiterhin aus unserer Geschichte lernen und entschlossen handeln. Weil wir wissen und andernorts erleben, dass Krieg den Menschen tiefes Unglück und Leid zufügt, treten wir für Abrüstung und Völkerverständigung ein.

Mit der Feierstunde in der Bittermark gedenken wir nicht nur der im Frühjahr 1945 ermordeten politischen Gefangenen, sondern wir bekunden damit auch unseren Widerstand gegen die in unserem Land immer offener und aggressiver auftretenden Neo-Nazis. Lasst uns mit unserer Teilnahme an der Gedenkfeier in der Bittermark den Neo-Nazis ein deutliches „Nie wieder!“entgegensetzen!

Förderverein Steinwache und Internationales Rombergpark-Komitee vereint

„Über das Wesen und die Ursachen des Faschismus aufklären“

Das im Jahre 1960 von überlebenden Antifaschisten und den Angehörigen ermordeter Nazigegner gegründete Internationale Rombergpark-Komitee und der Förderverein Steinwache haben am Samstag, dem 19. Februar 2011, ihr Zusammengehen beschlossen. Der neue Verein „Förderverein Steinwache / Internationales Rombergpark-Komitee e.V.“ hat sich eine neue Satzung gegeben und einen gemeinsamen Vorstand gewählt.

Der zum Vorsitzenden gewählte Gewerkschaftssekretär i. R. Ernst Söder erklärte: „Auch künftig wollen wir die Arbeit der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache unterstützen und die Ausstellung ‚Widerstand und Verfolgung in Dortmund 1933-1945’ begleiten. Darüber hinaus werden wir die jährlich stattfindenden Gedenkveranstaltungen in der Bittermark mitgestalten und dazu auch wie bisher internationale Gäste zu einem gemeinsamen Programm nach Dortmund einladen. Nach wie vor erscheint es uns wichtig, die heutige und nachfolgende Generation über das Wesen und die Ursachen des Hitlerfaschismus und die begangenen Verbrechen sowie den antifaschistischen Widerstand aufzuklären. Dies umso mehr, wenn Neonazis immer wieder versuchen, die Verbrechen des Faschismus zu leugnen.“

Dem Vorstand gehören neben Aktivisten aus SPD, DKP und der Linken solche aus der VVN-BdA, den Jugendverbänden, der AWO, den Gewerkschaften, der Auslandsgesellschaft, Künstler und Publizisten sowie Zeitzeugen an, die als Kinder Krieg und Faschismus erlitten haben.

Die bisherigen ausländischen Mitglieder des IRPK-Vorstandes wurden zu Ehrenmitgliedern ernannt, unter ihnen Widerstandskämpfer/innen, KZ-Opfer und ehemalige Zwangsarbeiter/innen aus den Niederlanden, aus Frankreich, Polen, der Ukraine und Russland. Besonderer Dank wurde der Präsidentin des Internationalen Rombergparkkomitees Celine van der Hoek-de Vries und der Generalsekretärin Gisa Marschefski ausgesprochen; sie wurden zu Ehrenvorsitzenden der neuen Vereinigung gewählt.

Der Kontakt mit antifaschistischen Initiativen an Orten der Erinnerung an Kriegsendverbrechen soll erhalten und ausgebaut werden. Die neue Vereinigung führt die Mitgliedschaft des IRPK in der Föderation des internationalen Widerstandes (FIR) fort. Der Generalsekretär der FIR Dr. Ulrich Schneider wird auf der ersten öffentlichen Veranstaltung am 21. April 2011 in der Gedenkstätte Steinwache in Dortmund das Eröffnungsreferat zum Thema „Die Entwicklung nach rechts in Europa“ halten.

Auf dem Foto: Markus Günnewig, Karl-Heinz Gerhold, Werner Groß, Michaela Pawlak, Adelheid Sroka, Günter Bennhardt, Ingrid Krämer-Knorr, Andreas Roshol, Ernst Söder, Michael Hermes, Marc Frese, Norbert Schilff, Ulrich Sander, Isa Nigge, Georg Deventer, Walter Liggesmeyer, Gisa Marschefski, Doris Borowski, Renate Büker,  Alice Czyborra. Nicht auf dem Foto: Martina Plum und Agnes Vedder.

Präsident der FIR Michel Vanderborght verstorben

Von Dr. Ulrich Schneider (Generalsekretär) für den Exekutivausschuss der FIR

Mit tiefer Trauer müssen wir den Tod des Präsidenten der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer FIR – Bund der Antifaschisten, Michel Vanderborght, vermelden.

Am 12. September 2010 verstarb er im Alter von 85 Jahren. Schon als Jugendlicher schloss er sich dem Widerstand an und kämpfte aktiv in der Partisanen-Armee in der Region Leuven (Louvain). Die Partisanenarmee leistete einen wichtigen Beitrag zur Befreiung des Landes von der faschistischen Okkupation.

Nach der Befreiung Belgiens wurde Michel Vanderborght aktiv in der kommunistischen Jugendorganisation Belgiens und war der belgische Vertreter im Weltbund demokratischer Jugend (WBDJ). Seit 1947 nahm er an allen „Weltfestspielen der Jugend und Studenten“ als Delegierter und später als Gast teil.

In den 50er und 60er Jahren arbeitete er für die Kommunistische Partei Belgiens und unterstützte die antikoloniale demokratische MNC (Mouvement National Congolais) von Patrice Lumumba. Im Rahmen dieser internationalen Kontakte kam er auch mit Fidel Castro und anderen Repräsentanten der antikolonialen Befreiungsbewegungen zusammen.

1960 organisierte er in Belgien den ersten Marsch gegen Atomraketen zum Stationierungsort amerikanischer Atomwaffen. Seit dieser Zeit war Michel Vanderborght aktiv in der belgischen Friedensbewegung. Er war Vorsitzender der Gruppe „Vrede“ und Herausgeber der gleichnamigen Zeitschrift. Überregional und in seinem Umfeld organisierte er verschiedene Friedensaktionen.

Seit Jahrzehnten arbeitete er im Rahmen der Front l’Indépendance (F.I.) für die Erinnerung an den antifaschistischen Kampf und die Bewahrung des historischen Gedächtnisses an die Okkupation Belgiens.

Im Rahmen der antifaschistischen Erinnerungsarbeit trug er viele Jahre die Verantwortung für das „Widerstandsmuseum“ in Brüssel und arbeitete im Aufsichtsrat des „Institut des Vétérans“. Auf dem 13. Kongress der FIR in Berlin 2004 wurde er zum Präsidenten der Organisation gewählt.

Trotz seines hohen Alters und gesundheitlicher Probleme füllte er diese Aufgabe mit großem Engagement und Ideenreichtum aus. Auf seine Initiative gingen die Konferenz der FIR in den Räumen des Europäischen Parlaments und die Vorbereitung und Umsetzung des großartigen Internationalen Jugendtreffens 2008 in Buchenwald zurück. Er regte weitere Projekte an, die die Lebendigkeit der Organisation und ihre Verbundenheit mit den heutigen Generationen bewiesen.

Für seine politische und historische Arbeit erhielt er zahlreiche belgische und internationale Auszeichnungen. Wir verlieren mit ihm einen Präsidenten, der sich mit hoher persönlicher Autorität und großem Engagement für die gemeinsame Sache aller antifaschistischen und Veteranenorganisationen einsetzte.

Er verband eine klare politische Überzeugung mit der Fähigkeit, Brücken zu allen demokratischen Kräften zu bauen. Wir verdanken ihm viel und werden ihn sehr vermissen. Unser tiefes Mitgefühl gilt seiner Frau und langjährigen Kampfgenossin Marie-Louise und seiner Familie. Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren.