Die Rede von Gisa Marschefski, Karfreitag 2010

Sehr verehrte Angehörige der Mordopfer des Naziregimes,
sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Jörder,
lieber Kamerad Jean Chaize,
verehrte Anwesende!

Erneut erinnern wir an dieser denkwürdigen Stelle an die Ermordung von beinahe 300 Frauen und Männern aus sieben Nationen Europas. Sie alle waren Gegner des Hitlerregimes. Gegner der massenhaften Vernichtung jüdischer Menschen. Gegner des fürchterlichen Raubkrieges, den die Hitlerwehrmacht in beinahe allen Ländern Europas geführt hat. Millionen und Abermillionen Menschen sind diesem von Deutschland begonnenen und bis zum bitteren Ende geführten Krieg zum Opfer gefallen.

Noch in der Endphase dieses massenmordenden Krieges der Nazis, also vor 65 Jahren, wurden die, derer wir heute gedenken, von den Bestien der Hörder Nazigestapo durch Genickschuss ermordet. Bei Nacht und Nebel wurden sie an die Bombentrichter der Bittermark, des Rombergparks und nahe des Hörder Bahnhofs getrieben und auf bestialische Weise umgebracht und verscharrt. Wenige Tage nach der Befreiung vom Hitlerregime fand man ihre Leichen in den Bombentrichtern in diesen Wäldern.

Nicht nur hier, auch an zahlreichen anderen Orten unseres Landes geschahen ähnliche Verbrechen. Wohl nicht mehr auf einen „Endsieg“ hoffend, wollten die Verbrecher des Nazireiches Zeugen ihrer furchtbaren Grausamkeiten zum Schweigen bringen, sie als Mitgestalter Nachkriegsdeutschlands ausschalten und sich selber vor einer Bestrafung retten.

Das beeindruckende Mahnmal, vor dem wir stehen, wurde vor 50 Jahren errichtet. Es soll die Menschen für immer an die grausame Geschichte des Nazireiches in Dortmund und der Welt erinnern. Es mahnt uns, so etwas nicht noch einmal zuzulassen.

Wenn man die Geschichte unseres Landes kritisch betrachtet, muss man zu dem Schluss kommen, dass die Absichten der Mörder in bestimmter Weise gelungen sind. Das zeigt uns der im Jahre 1952 in Dortmund durchgeführte Prozess wegen der Rombergparkmorde mit seinen milden Urteilen. Das beweist auch die misslungene Vernichtung des gesamten Nazisystems, wie sie etwa die Häftlinge von Buchenwald in ihrem nach der Befreiung geleisteten „Schwur von Buchenwald“ gefordert haben.

65 Jahre ist es her, dass mein Vater Erich Mörchel mit seinem Bruder und den 300 Frauen und Männern hier in diesen Wäldern ermordet und verscharrt wurden. Wenn ich versuche, mir vorzustellen, was mein Vater, was seine Kameradinnen und Kameraden angesichts der heutigen politischen Situation sagen würden, so kämen sicher ernste Mahnungen an uns alle aus ihren Mündern. Es ist für mich unvorstellbar, dass Vater „Ja“ sagen würde zu der Beteiligung deutscher Soldaten an den Kriegen in der Welt. Er würde sagen: „Macht Schluss mit den Kriegseinsätzen in Afghanistan und anderen Ländern der Welt! Krieg darf kein Mittel der Politik sein!“

Arbeit, Brot und Völkerfrieden, das war meines Vaters und seiner Freunde Welt. Dafür haben sie sich eingesetzt und diesen Einsatz mit ihrem Leben bezahlt. Handeln wir in ihrem Sinne, fordern wir unüberhörbar: „Schluss mit dem Einsatz deutscher Waffen und Soldaten!“

Und was würden uns die beiden hier ermordeten jüdischen Frauen sagen, die getötet wurden, weil sie Jüdinnen waren? Ganz sicher würden sie mit uns fordern: „Schluss mit Antisemitismus und ausländerfeindlicher Propaganda! Schluss mit Aktivitäten und Schmierereien an den jüdischen Friedhöfen und anderen Stellen!“

Was würden mein Vater und seine ermordeten Kolleginnen und Kollegen aus den Gewerkschaften sagen, wenn sie erleben müssten, dass Gewerkschaftsdemonstrationen, wie am 1. Mai 2009 in Dortmund geschehen, von Nazi-Kolonnen gewalttätig angegriffen werden? Aus bitterer Erfahrung würden sie uns zurufen: „Wehrt Euch, leistet Widerstand gegen den Nazismus hier in diesem Land.“ Und sie würden sagen: „Sorgt dafür, dass die neonazistische NPD endlich verboten wird und damit ein bedeutender Schritt getan wird zur Beseitigung von Ausländerfeindlichkeit und Rassenhass!“

Verehrte Anwesende, die demokratischen Kräfte, die in Dortmund Widerstand gegen Nazismus in seinen verschiedenen Formen leisten, werden stärker. Das ist begrüßenswert und sollte von allen demokratischen Kräften, den Parteien und Organisationen unterstützt werden. Nicht wenige Initiativen entstehen an Dortmunder Schulen. So können wir heute bei dieser Kundgebung Schülerinnen und Schüler der Theodor-Heuss-Realschule erleben, die ich gerne und herzlich begrüße.

Ähnliches gilt für die Naturfreundegruppe Kreuzviertel. Auch in diesem Jahr haben sie zum „Heinrich-Czerkus-Gedächtnislauf“ aufgerufen. Mit diesem Lauf gedenken sie des Mannes, der aktiv bei Borussia Dortmund tätig war und wegen seiner antifaschistischen Arbeit von der Gestapo ermordet wurde.

Im Namen des Internationalen Rombergparkkomitees möchte ich mich bei den genannten Initiativen, aber auch bei den vielen ungenannten Unterstützerinnen und Unterstützern dieser Veranstaltung bedanken.

Liebe Kundgebungsteilnehmer, ich rufe Sie alle, insbesondere aber die Dortmunder Parteien, Organisationen und Verbände auf, das Gedenken an die Opfer der Hitler-Diktatur zu unterstützen. Zeigen wir uns der Ermordeten würdig, folgen wir gemeinsam ihrer Mahnung:

Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!


Die Rede von Bürgermeisterin Birgit Jörder, Karfreitag 2010

Sehr geehrte Frau Marschefski,
sehr geehrter Herr Chaize,
sehr geehrter Herr Delarue,
liebe Freunde und Gäste aus dem In- und Ausland,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

fünfundsechzig Jahre nach den Gräueltaten der Gestapo und der SS gedenken wir heute der dreihundert ermordeten Männer und Frauen. Ihr Tod war grausam und sinnlos. Kurz vor Kriegsende zeigten der Nationalsozialismus und diejenigen, die in seinem Sinne handelten, noch einmal ihre wahren, abscheulichen Gesichter. Menschen wurden damals gefoltert und ermordet, Familien wurden zerstört.

Leider wurden die Mörder für ihre Taten nur sehr unzureichend bestraft. Sie hatten unendliches Leid verursacht, und doch musste sich nur ein Teil der Täter dafür vor Gericht verantworten. Nach heutigen Maßstäben gemessen, fielen die Strafen recht milde aus; wegen Mordes wurde jedenfalls keiner verurteilt. Ich finde den Gedanken, dass die Mörder den Krieg überlebten und die meisten danach als scheinbar „normale“ Bürger ein unbehelligtes Leben führten, nur schwer erträglich. Die Toten und deren Angehörige wurden durch diese Vorgänge, nach meiner Meinung, erneut zu Opfern gemacht.

Dieser Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte ist für mich ein Makel, den wir heute leider nicht mehr ungeschehen machen können. Und so sehr ich entsprechende Strafprozesse, wie jetzt in Aachen gegen den ehemaligen SS-Mann Boere, gutheiße, so kommen sie eigentlich viel zu spät. Heute jedoch, an diesem Gedenktag, können wir den Opfern des Nationalsozialismus, den Getöteten, den Verschleppten und den Gefolterten, durch unser Erinnern und unser Versprechen, alles dafür zu tun, dass sich ein solches Unrecht nicht wiederholen wird, ein Stück Gerechtigkeit verschaffen.

Deshalb ist das Karfreitaggedenken hier am Mahnmal in der Bittermark für mich kein bloßes Ritual. Es ist mir ein persönliches Anliegen, und ich bin jedes Mal sehr berührt, wenn ich Menschen begrüßen darf, die damals selbst Opfer von Zwangsdeportationen waren oder deren Angehörige hier ermordet wurden. Für mich ist deren Teilnahme an der Gedenkveranstaltung nach den Verbrechen, die hier begangen wurden, nicht selbstverständlich. Und schon gar nicht selbstverständlich ist es, dass diese Menschen uns Deutschen die Hand zur Versöhnung gereicht haben.

Der Ehrenpräsident des Verbandes der französischen Zwangs- und Arbeitsdeportierten, Herr Jean-Louis Forest, hat diese große Geste einst treffend in die Worte: „Niemals vergessen – Freundschaft!“ gekleidet. Ich werte es als einen besonderen Ausdruck dieser festen Freundschaft zwischen unseren Nationen, dass Herr Delarue als Vertreter der französischen Regierung heute extra aus Paris angereist ist, um uns und der Gedenkfeier die Ehre zu geben.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, vor fünfzig Jahren wurde das Mahnmal in der Bittermark eingeweiht, und so scheint mir heute der richtige Zeitpunkt zu sein, einige ganz besondere Menschen zu würdigen. Die Mehrheit unserer heute anwesenden französischen Gäste war damals vor 65 Jahren selbst Opfer von nationalsozialistischer Verschleppung und Zwangsdeportation.Sie haben diese Gräueltaten glücklicherweise überlebt und sind seit fünfzig Jahren stets zu uns in die Bittermark gekommen, um ihrer ermordeten Kameradinnen und Kameraden zu gedenken. Im Laufe der Jahre sind durch diesen Kontakt viele Freundschaften entstanden. Freundschaften, die maßgeblich zu einer Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland beigetragen haben. Dafür danke ich unseren französischen Gästen aus vollem Herzen, denn sie haben uns gezeigt, wie man die eben zitierten Worte von Jean-Louis Forest leben kann.

Gisa Marschefski, meine sehr geehrten Damen und Herren, hat bei dem Massaker vor fünfundsechzig Jahren ihren Vater und ihren Onkel verloren. Seit der Einweihung des Mahnmals hat sie nicht nur an jeder Gedenkveranstaltung teilgenommen, sondern zudem in ihrer Position als Generalsekretärin des Internationalen Rombergpark-Komitees in den ganzen Jahrzehnten viel dafür geleistet, die Verbrechen der Nationalsozialisten aufzuarbeiten und nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Engagierte Personen wie Gisa Marschefski haben sehr dazu beigetragen, dass Nationen und Volksgruppen, die unter der deutschen Nazi-Diktatur unvorstellbares Leid erfahren mussten, zur Versöhnung bereit waren. Für dieses Engagement gebührt ihr unser aller Dank und unsere Anerkennung.

Zuletzt möchte ich Wolfgang Asshoff meinen herzlichen Dank für fünfzig Jahre hervorragendes Engagement für das Karfreitaggedenken aussprechen. Seit 1960 betreut er unsere französischen Gäste, und seit mehreren Jahren moderiert er in ruhiger und besonnener Art die Gedenkveranstaltung. Es gibt immer Menschen, die eine solche Veranstaltung prägen. Wolfgang Asshoff hat einen großen Anteil daran, dass aus einer kleinen Gedenkstunde eine internationale Gedenkfeier wurde. Als Erbe hat er uns eine schöne und umfangreiche Dokumentation aller Karfreitaggedenken von 1945 bis 2009 vermacht. Auch dafür sage ich nochmals: „Danke, Wolfgang Asshoff!“

Dass dieser Einsatz von den eben Genannten und anderen verdienten Personen, die ich an dieser Stelle gar nicht alle aufzählen kann, nicht umsonst war, sondern Früchte trägt, zeigt mir die erneut große Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern an der heutigen Feier. Besonders freue ich mich darüber, dass sich mit den Schülerinnen und Schülern der Theodor-Heuss-Realschule, die ich ebenfalls herzlich begrüße, wieder junge Menschen mit dem Themen Nationalsozialismus und Rechtsradikalismus intensiv beschäftigt haben. Ich bin sehr gespannt auf ihre Darbietung, die das Ergebnis ihrer Auseinandersetzung mit diesem Themenfeld eindrucksvoll widerspiegeln wird.

Nationalsozialismus und Rechtsradikalismus, meine sehr geehrten Damen und Herren, haben leider nach wie vor, auch in Dortmund, eine hohe Aktualität. Es handelt sich dabei immer noch um eine ernstzunehmende Gefahr, der wir konsequent und mit allen Mitteln des Rechtsstaats entgegentreten müssen. Doch dies alleine wird nicht ausreichen. Wir als Demokraten müssen aktiv und persönlich für unsere Werte einstehen. Wir sollten uns immer vor Augen führen, dass unser Leben und unsere Freiheit nicht selbstverständlich sind. Demokratie, Toleranz und Freiheit müssen erlernt, gepflegt und, wenn nötig, auch verteidigt werden. Die Ereignisse der letztjährigen 1.-Mai-Kundgebung des DGB haben mir klar gezeigt, dass eine Demokratie sich auch wehren muss.

Es ist die Aufgabe von uns allen, die richtigen Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Wir dürfen es nicht zulassen, dass sich nationalsozialistisches Gedankengut, Rassismus und Antisemitismus, also Ausgrenzung, Unterdrückung, Deportation und Vernichtung, jemals wiederholen. Und wenn wir Werte wie Freiheit, Demokratie, Menschenrechte und Menschenwürde wirklich leben und Solidarität und Zivilcourage in unserer Gesellschaft fördern, dann sind wir – daran glaube ich fest – auf dem richtigen Weg.

Jahrestagung des Internationalen Rombergpark-Komitees „für ein Europa des Friedens, ohne Rassismus und Nazismus“

Das Internationale Rombergparkkomitee mit Sitz in Dortmund hat wieder zur Teilnahme an den Gedenkveranstaltungen für die Opfer der Karfreitagmorde der Gestapo vom Frühjahr 1945 in Dortmund und Umgebung aufgerufen.

Die Veranstaltungen begannen am 1. April 2010 mit der Jahrestagung des IRPK in der Gedenkstätte Steinwache, Nähe Nordausgang des Dortmunder Hauptbahnhofs. Auf dieser Jahrestagung wurde Bilanz nach 50jähriger Tätigkeit des Komitees gezogen und ein Ausblick auf die weitere Tätigkeit unter veränderten Bedingungen gegeben. Celine van der Hoek-de Vries, Präsidentin des Internationalen Rombergparkkomitees aus Amsterdam, schrieb dazu:

„Auch 65 Jahre nach der Ermordung hunderter Frauen und Männer aus sieben europäischen Ländern in der Dortmunder Bittermark  sind wir aufgefordert, der Opfer des Hitlerregimes zu gedenken. Mit diesem Gedenken wollen wir einen Beitrag leisten für die Schaffung eines Europas frei von jeglichem Rassismus, frei von Völkerhass und Neonazismus.

In diesem Jahr blicken wir auf 50 Jahre Internationales Rombergparkkomitee zurück. Der Rechtsextremismus ist nicht besiegt, er ist stärker als jemals zuvor seit 1945, nicht nur in den Köpfen sondern auch in Taten. Deshalb ist die Aufgabe des Internationalen Rombergparkkomitees nicht erfüllt, sondern wir sind ihr nach wie vor verpflichtet.“

Abschied von Lore Junge

„Aller Fortschritt ist das Ergebnis langer Kämpfe.
Wenn die junge Generation ohne Faschismus und Krieg leben will,
muss sie sich engagieren.“

Trauerrede für Lore Junge am 4. September 2009

Liebe Angehörige, Freundinnen und Freunde, Genossinnen und Genossen von Lore!

Ich möchte meinen Worten Lores eigene Worte voranstellen. Sie stammen aus dem Vorwort ihres Buches „Verfolgt, gepeinigt, ermordet – Dortmunder Frauen 1933-1945“. Darin schreibt Lore: „Aller Fortschritt ist das Ergebnis langer Kämpfe. Wenn die junge Generation ohne Faschismus und Krieg leben will, muss sie sich engagieren.“

Diese Worte charakterisieren Lore selbst: Sie war bis zu ihrer Krankheit eine engagierte, mutige, streitbare Kämpferin – und dies forderte sie auch von anderen ein. Ihr eigener Einsatz und ihre Forderung an politische Freunde und Genossen machte den Umgang mit Lore nicht immer einfach. Jetzt, nach ihrem Tode können wir lächelnd daran zurückdenken.

Lore wurde 86 Jahre alt – ein langes Leben in unruhigen Zeiten, geprägt durch Krieg, Faschismus und die Kämpfe in der Zeit des Kalten Krieges, der Wiederaufrüstung, des Verbotes der KPD, und dann gewidmet der Erinnerungsarbeit: erinnern an all jene, die im Faschismus Widerstand leisteten. Dabei galt ihre Arbeit besonders den Frauen, deren vielfältiger „alltäglicher Widerstand“ vergessen zu werden drohte.

Der Blick auf Lores Leben ist ein Blick in ein Geschichtsbuch, das so noch geschrieben werden müsste. Einiges aus diesem Lebensbuch möchte ich wiedergeben. Lore, eigentlich: Laura Wilhelmine Marie Kröger, wurde am 19. März 1923 geboren. Die Eltern Mimi und Willi Kröger wohnten in Dortmund Barop (es ist erstaunlich, wie ortsgebunden Lores Leben verlief: Sie hat fast immer in Barop gewohnt) wenige Häuser von der Familie Junge entfernt, deren ältesten Sohn sie 1945 heiratete.

Willi war Bergmann, Mimi ohne Beruf. Schauen wir auf Lores Eltern, so zeigt sich ein typisches Bild eines Arbeiterlebens zu Beginn des letzten Jahrhunderts: Mimi konnte nicht Verkäuferin im Konsum werden, weil die Eltern von sieben Kindern ihr die notwendigen drei weißen Kittel nicht mitgeben konnten; Willi lebte als Kostgänger bei Mimis Eltern, hatte dort also Ess- und Schlafstelle – so entstand die Beziehung der beiden.

War Lores Kindheit durch das Arbeitermilieu in Barop geprägt, so zeigen die folgenden Jahre die Auswirkungen des Faschismus. 1937 musste der jüdische Rechtsanwalt, bei dem sie ihre Lehre als Bürogehilfin begonnen hatte, sie aufgrund der Rassegesetze der Nazis entlassen; bei der Stahlfirma Heinrich August Schulte begann sie eine Ausbildung als Stenokontoristin. Zuvor war ihr Vater als Kommunist zu mehreren Jahren Zuchthaus verurteilt worden und Mutter Mimi brachte sich und Lore als Putzfrau und Wäscherin durch.

Dann begann der vom faschistischen Deutschland entfesselte Weltkrieg, in dessen Verlauf der Vater zum berüchtigten Strafbataillon 999 eingezogen wurde. Lore und ihre Mutter verbrachten die Bombennächte meist im Bunker der Abraumhalde der Zeche Luise – wie oft hat Lore später vor Schülerinnen und Schülern darüber berichtet! Die Wohnung wurde von Bomben zerstört; mit zwei Koffern, ihrer ganzen Habe, werden sie bei fremden Leuten einquartiert.

1945: Endlich Befreiung von Faschismus und Krieg! So hat Lore es empfunden und immer benannt.

Jetzt kam Heinz Junge, für den Lore schon als Zehnjährige geschwärmt hatte, nach Emigration und Konzentrationslager nach Dortmund zurück und stürzte sich sofort in die politische Arbeit. Es galt, ein antifaschistisches Deutschland aufzubauen! In diesem Sinne gründete er die Freie Deutsche Jugendbewegung und warb Lore als Sekretärin an. Als Heinz ihr im Spätherbst einen Heiratsantrag machte, stimmte sie nach anfänglichem Zögern zu, die Hochzeit wurde am 29. Dezember 1945 gefeiert.

Im Februar 1946 gehörte Lore zu den Organisatoren einer spektakulären Hilfsaktion: Auf der Zeche Monopol in Bergkamen hatte es ein schweres Unglück gegeben, bei dem 405 Bergleute starben. Die demokratischen Organisationen fordeten von der britischen Besatzungsmacht massive Hilfen für die Familien der Opfer. Unter abenteuerlichen Bedingungen – Deutschland war in vier Besatzungszonen mit bewachten Grenzen unterteilt – wurden mehrere Autobusse mit Kindern der umgekommenen Bergleute zu einem Erholungsurlaub in die damalige Sowjetische Besatzungszone gebracht. Eine Hilfsmaßnahme, die heute in der Geschichte der Zeche und des Ortes mit peinlichem Schweigen übergangen wird.

Im Oktober wurde der Sohn Reinhard geboren, und es begann der Kampf um das Alltägliche: Brot, Trockenmilch, Kleidung und Kinderwäsche. Noch in den letzten Lebenstagen erzählte mir Lore, wie glücklich sie über eine Decke und einen Korb Birnen von meiner Mutter war. Sie  konnte nicht bis zu Hause warten, stieg vom Fahrrad und aß erst einmal eine Birne.

Die folgenden Jahrzehnte zeigen Lore als aktive, kämpferische Kommunistin. Nach Beginn des kalten Krieges, der durch antikommunistische Hetze gekennzeichnet war, nach der Gründung von BRD und DDR nahm sie an den Aktionen für Wiedervereinigung und gegen Wiederbewaffnung teil. Diese Aktionen wurden von der Adenauer-Regierung geradezu hysterisch verfolgt. Eine Aktion ist sogar in einer ersten Ausgabe des Werkes „Unser Jahrhundert im Bild“ dokumentiert: Lore entreißt einem Polizisten die Fahne, die er soeben beschlagnahmt und eingerollt hatte. Sie war aber nicht rot, wie das Schwarzweiß-Foto suggeriert, sondern schwarz-rot-gold!

1956 das Verbot der KPD! Bald danach gründete sich die Arbeitsgemeinschaft „Frohe Ferien für alle Kinder“, in ihr arbeitete Lore. Die Arbeitsgemeinschaft ermöglichte es Arbeiterkindern aus der BRD, preiswerte Ferien in der DDR zu verbringen. Nach dem 13. August 1961 wurde die Arbeitsgemeinschaft verboten und zahlreiche Mitglieder wegen „Staatsgefährdung“ und „Vorbereitung zum Hochverrat“ angeklagt und verurteilt. Lore kam mit einer relativ milden Strafe von neun Monaten auf Bewährung davon. Das war Adenauer-Justiz, die erst durch die Strafrechtsreform des SPD-Justizministers Heinemann 1966 beendet wurde.

Als der Sohn Reinhard 14 Jahre alt wurde, nahm Lore ihre Arbeit als Bürokraft wieder auf, qualifizierte sich als Sekretärin und erhielt eine Anstellung in der Stadtverwaltung, später Jugendmusikschule, und das, obwohl sie als Kommunistin bekannt und vorbestraft war. Es war wohl eine Folge der Tatsache, dass in Dortmund Sozialdemokraten und Kommunisten einige gemeinsame Traditionen nicht aufgegeben hatten. Das zeigte sich auch in den gemeinsamen antifaschistischen Aktionen z.B. 1969 gegen eine NPD-Veranstaltung in Hörde.

In der folgenden Zeit unterstützte Lore die Arbeit ihres Mannes Heinz, z. B. im Sachsenhausenkommitee, im Rombergparkkommitee und in der Ausstellung „Widerstand und Verfolgung in Dortmund“. Sie gehörte mit zu den Gründern des Fördervereins der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache und engagierte sich im Kuratorium der Ausstellung.

Doch immer stärker entwickelte Lore ihre eigenen Pläne, und als sie endlich in Rente gehen konnte, verwirklichte sie diese: Drei Bücher entstanden, in denen sie die Tätigkeiten von Frauen im Widerstand gegen den Faschismus darstellte. Viele Nachmittage verbrachte sie in Archiven oder bei Frauen und Witwen von Widerstandskämpfern, die sie interviewte und um Dokumente bat. Das war ihre eigene Arbeit ihr eigener Erfolg. Nicht nur Heinz war als Zeitzeuge in Schulen, Seminaren und der Gedenkstätte Steinwache gefragt, sondern immer stärker auch Lore.

Bis zu ihrer Krankheit sichtete sie Material, stellte Dokumente zusammen, brachte sie in Archive, immer in der Sorge, etwas oder jemand könnte vergessen werden. Sie wurde nicht müde, den Faschismus als Verbrechen zu benennen und den Neofaschismus zu bekämpfen und die junge Generation aufzuklären. In ihrem Sinne ist es wenn wir alle morgen in Dortmund ein unüberhörbares Zeichen gegen Nazis setzen!

Es hat Lore gefreut und stolz gemacht, dass ihre Arbeit Anerkennung fand: Ihrem Einsatz ist es mit zu verdanken, dass in der neuen Siedlung in Dortmund-Menglinghausen die Straßen nach Hombrucher Widerstandskämpfern benannt wurden. Der SPD-Stadtbezirk Hombruch, zu dem Lores Heimatort Barop gehört, verlieh ihr den Ewald-Sprave-Preis und 2006 erhielt sie die Ehrennadel der Stadt Dortmund.

Lore ist nun tot. Viele von uns haben sie auf Teilen ihres Weges begleitet, einige auch auf dem letzten Stück, während ihrer Krankheit. So wird jeder von uns ein eigenes Bild von Lore als Erinnerung behalten. Doch wir würden dieser streitbaren Frau nicht gerecht, wenn wir ihre Idee von Frieden und Antifaschismus und ihren engagierten Kampf für eine sozialistische Welt nicht weitertragen würden. In diesem Sinne verabschieden wir uns von Lore Junge.

Verleihung der Ehrennadel der Stadt Dortmund an Gisa Marschefski und Lore Junge im Januar 2006

Die Rede von Gisa Marschefski, Karfreitag 2009

Es ist insbesondere für uns Angehörige immer noch unfassbar, was vor nunmehr 64 Jahren, um den Karfreitag 1945, hier in der Bittermark, im Rombergpark und an anderen Orten in unserer Stadt geschah. An die 300 Frauen und Männer aus sieben Ländern Europas wurden durch Genickschuss von den Mordbanden der nazistischen Gestapo ermordet. Und das zu einem Zeitpunkt, als US-amerikanische Truppen bereits die Dortmunder Stadtgrenze erreicht hatten und klar war, dass der vernichtende Krieg kurz vor seinem Ende stand.

War es reine Mordlust der Bestien aus der Hörder Gestapohölle, oder waren diese Morde Teil eines umfassenden Planes der Naziführung? Das letztere scheint der Fall zu sein. Denn entsprechende Forschungen in der letzten Zeit haben ergeben, dass kurz vor der Befreiung von Krieg und Naziregime 1945 nicht allein hier in Dortmund, sondern an zahlreichen Orten unseres Landes viele Tausend Antifaschistinnen und Antifaschisten sowie Gegner des Raubkrieges Hitlers ermordet wurden. Sie stammten wie unsere Ermordeten, derer wir heute gedenken, aus den von der Hitler-Wehrmacht überfallenen und besetzten Ländern Europas.

Das IRPK weist in einem Buch, das wir im vorigen Jahr vorlegten, nach, dass es mindestens 150 weitere Tatorte gibt, an denen sich Gleiches ereignete wie hier in der Bittermark. Die Nazis befürchteten wohl, diese Nazigegner könnten nach Beendigung des Krieges Einfluss nehmen auf die Gestaltung eines demokratischen, antifaschistischen Deutschland und Europa. Der oberste Gestapochef Heinrich Müller wollte das mit dem Mittel des Mordes verhindern. Er sagte: „Wir werden nicht den gleichen Fehler machen, der 1918 begangen wurde; wir werden unsere innerdeutschen Feinde nicht am Leben lassen.“ Und der „Reichsführer SS“ Heinrich Himmler drohte im März 1945: „Sie werden mit uns verrecken.“

Diese menschenverachtenden Drohungen wurden von den willigen Henkern der Gestapo verwirklicht. Die Naziführung befürchtete, die Ermordeten könnten sich nach dem Krieg einsetzen für eine Welt ohne Krieg, für die Gestaltung eines demokratischen und friedlichen Deutschland.

Und ganz sicher hatten die Nazimörder Angst vor einer echten Entnazifizierung und der Beseitigung der Wurzeln des Nationalsozialismus. In der Tat, für solche Ziele hat sich mein Vater, haben sich die Ermordeten, derer wir hier gedenken, eingesetzt.

Diese Ziele waren und sind auch heute die Wünsche der großen Mehrheit unseres Volkes. Aber wie sieht demgegenüber die Welt 64 Jahre nach Rombergpark und Bittermark aus? Monat für Monat werden neue Kontingente von deutschen Soldaten in alle Welt geschickt, wirken auf vielen Kriegsschauplätzen und in so genannten Krisengebieten mit. So als ob wieder einmal die Welt am deutschen Wesen genesen solle. Eine solche Politik entspricht ganz sicher nicht dem, was die Ermordeten wollten und wofür sie ihr Leben gaben.

Und statt der Vernichtung des Nazismus mit all seinen Wurzeln, können sich Nazis und rechtsextremistische Kräfte immer weiter ausbreiten. Die zunehmende Verbreitung und Gewalttätigkeit wird durch die gegenwärtige Wirtschaftskrise noch befördert. Fünf Prozent der Jugendlichen sehen sich als Mitglieder neonazistischer Kameradschaften, wie jetzt durch eine Studie bekannt wurde. Obwohl bereits 150 Menschen in unserem Land tödliche Opfer rechtsextremer und neonazistischer Gewalt geworden sind, können die Feinde der Demokratie fast ungehindert ihre verbrecherische Politik betreiben.

Wie Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit zeigen, scheinen die Regierenden in unserem Land sich mehr Sorgen um die Demonstrationsfreiheit für die Neonazis zu machen als um den Schutz der Bevölkerung und der Demokratie vor ihren Feinden. Mehr noch, Demokraten und Antifaschisten in unserer Stadt und in unserem Land werden allzu oft massiv darin gehindert, den Nazis wirkungsvoll entgegenzutreten.

Es ist gut zu wissen, dass es in Dortmund zahlreiche Kräfte gibt, die den Feinden der Demokratie Einhalt gebieten und sich den Neonazis entgegenstellen. Ich erlaube mir, etwas zu zitieren: „Wir haben es erlebt. Nie wieder! Bombennächte. Ständige Angst. Hausdurchsuchungen. Die Eltern im KZ. Verwandte sterben im Krieg. Nachbarn mit dem gelben Stern werden abgeholt. Nachts träumen wir davon. Die Nachfolger der Nazibande, die das verschuldete, erheben wieder ihr Haupt. Jahr für Jahr kommen sie nach Dortmund. Sie rufen ,Nie wieder Krieg’ und fügen hinzu: ,… nach unserem Sieg, dem Sieg des ‚nationalen Sozialismus’. Sie reden von Frieden, Antikapitalismus, ja Sozialismus. Das taten Hitler und Goebbels auch. Es kam zum furchtbarsten aller Kriege. Zur schlimmsten Form des Kapitalismus: Nicht nur Ausbeutung durch Arbeit, sondern Vernichtung durch Arbeit. Es kam zur Versklavung und zum Holocaust. …“

Dies sind die Worte, mit denen sich rund 100 Menschen aus meiner Generation vor einigen Monaten an die Öffentlichkeit wandten. Wir fügten hinzu: „Das Maß ist voll. Wir sehen nicht mehr zu. Wir Älteren, die Aktion 65 plus, werden den Nazis entgegentreten.“

Ämter, Regierende, Justiz und Polizei rufe ich dazu auf, antifaschistische Aktionen der Demokraten zu unterstützen. Der Ministerpräsident unseres Landes, Herr Rüttgers, lässt sich gerne als Landesvater bezeichnen. Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, ich bitte Sie, seien Sie väterlich zu Ihren Bürgern, schalten Sie Ihre Spitzel in der NPD ab, machen Sie so den Weg frei für ein Verbot der NPD! Und noch etwas Herr Ministerpräsident: Weisen Sie Ihren Innenminister, Herrn Wolf von der FDP an, die Polizei und deren Führungskräfte bei der Verwirklichung des Demonstrationsrechtes der Nazigegner aktiv zu unterstützen und nicht, wie geschehen, sie massiv zu behindern!

Das aktive Zusammenwirken aller demokratischen Kräfte unserer Stadt, der Polizei und der Behörden ist der Schlüssel eines erfolgreichen Wirkens gegen Rechtsextremismus und Neonazismus.

Ich rufe Ihnen zu: Ehren wir die Toten, indem wir uns gemeinsam gegen die braune Brut zur Wehr setzen! Das Gebot von 1945 ist nach wie vor gültig: Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!

Grußwort von Dr. Stefan Mühlhofer

Dr. Stefan Mühlhofer
Wissenschaftlicher Leiter der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache
Grußwort Gründonnerstag 2009

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde des Internationalen Rombergparkkomitees,

ich begrüße Sie heute hier als wissenschaftlicher Leiter der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache und freue mich, dass sie auch in diesem Jahr ihre traditionelle Zusammenkunft am Gründonnerstag in der Steinwache veranstalten. Ich bin gebeten worden, ein Grußwort an Sie zu richten. Dem komme ich gerne nach und möchte kurz ein paar Gedanken zum Thema „Gedenkstättenarbeit heute“ vortragen.

Die Bundesrepublik Deutschland hat sich – wie wir alle wissen – schwer getan mit der Aufarbeitung der NS-Zeit. Dies lässt sich unter anderem auch in der Geschichte der Gedenkstätten in unserem Land ablesen. Sieht man vom 1952 eingerichteten Dokumentationsraum in der Gedenkstätte Plötzensee ab – einer Erinnerungsstätte bürgerlichen deutschen Widerstands, und weniger eine Erinnerungsstätte an deutsche Verbrechen –, dann war die 1965 in Dachau errichtete Dauerausstellung die erste bedeutende Ausstellung in der Bundesrepublik zu diesem Thema überhaupt.

Erst seit den 80er Jahren des vorherigen Jahrhunderts ist die Praxis der Gedenkstätten, ihre Errichtung und ihr Betrieb, ein anerkannter Sektor der Kulturpolitik. Bis dahin stand überall, auch in Dortmund, in dieser Frage die politische Durchsetzbarkeit, d.h. das „ob“, im Vordergrund. Seitdem diese Frage unstreitig ist, geht es in der Auseinandersetzung um ausstellungstheoretische Konzeptionen, Fragen, die uns heute hier nicht weiter beschäftigen sollen.

Die Gründungsphase der Gedenkstätten in den 80er Jahren war – um mit Alexander und Margarethe Mitscherlich zu sprechen – gegen die Verleugnung des Geschehenen gerichtet, d.h. es ging in der Auseinandersetzung um eine Diskrepanz zwischen dem, was übereinstimmend als Tatsache anerkannt wurde, und dem Ausbleiben einer als angemessen angesehenen emotionellen Konnotation dieser Tatsache. Man bewahrte in dieser Phase zum Glück etwas, was man – daran darf man erinnern – mehrheitlich nicht ansehen, das man im Grunde nicht wahrhaben wollte.

Gegen dieses „Nicht-wirklich-wahrhaben-wollen“ richteten sich die Gedenkstätten, auch unsere 1992 eröffnete Steinwache. Zugleich schloss sich in den Gedenkstätten, neben einer lokalen Historiographie der NS-Zeit, ein vielfältiges geschichtspädagogisches Bemühen an. Es wurde nicht nur an Emotionen appelliert, sondern erläutert, erzählt, kontextualisiert und ein Raum für politische Diskussion eröffnet. Dabei ist es heute besonders wichtig zu betonen, was Gedenkstätten können und sollen in ihrer pädagogischen Arbeit, und was nicht. Ich halte nämlich die Idee, man könnte erfolgversprechend vor Gegenwärtigem warnen, wenn man zeigt, wohin das alles einmal geführt hat, für nicht besonders gut. Leute zu diskriminieren und zu quälen, ist auch dort stets verwerflich gewesen, wo keine Gefahr bestand, dass es zu einem Massenmord ausarten könnte.

Besonders absurd ist der Versuch, Gedenkstätten zu Orten der Umkehr zu machen. Junge Menschen, die sich in Diskriminierung, Schikanieren und Quälen hervorgetan haben, sollen lernen, wo das alles hinführen kann. Aber glauben wir wirklich, dass einer sagt, wenn er geahnt hätte, dass man in nationalsozialistischen Lagern Asoziale umgebracht habe, dann hätte er seinerseits den „Penner“ am Bahnhof nicht zusammengeschlagen? Oder, um die Frage von Wolfgang Thierse zu beantworten: „Man muss es nicht lernen, dass man Menschen nicht anzündet.“ Man weiß das. Und wenn man es nicht weiß, lernt man es auch nicht mehr. Sondern man lässt es, wenn man nichts mehr zu gewinnen hat, auch keinen heimlichen Beifall, und nur seine Freiheit auf Spiel setzt.

So sind die Orte des Gedenkens an die Ermordeten, die man den Überlebenden als Orte der Trauer und des Gedenkens viel zu lange verweigert hat, heute mit einer Art Auftrag befrachtet, dem das, was in den Gedenkstätten geschieht, überhaupt nicht mehr gerecht werden kann. Vor allem auch deshalb, weil man den Gedenkstätten einen Wert zuspricht, ohne ihn jemals begründet zu haben. Man überfrachtet damit Geschichtsschreibung allgemein und weist ihr eine Aufgabe zu, die sie nach meinem Verständnis nicht leisten kann: Sinn zu stiften. Und gerade das historisch Einmalige des Nationalsozialismus ist es, das sich sehr der Anwendung sperrt. Genaugenommen hat die nationalsozialistische Vergangenheit gerade wegen des fast alle politischen Gruppierungen übergreifenden Konsenses ihrer verbrecherischen Natur besonders wenig Lernwert. Aber das historische Besondere drängt uns, es zu dokumentieren, zu analysieren und die Orte, die für diese Besonderheit stehen, zu bewahren und zu Orten der Dokumentation und Analyse zu machen. Diese Erinnerung bedarf der historischen Forschung, die sich in ihrem Ziel, zu dokumentieren und zu analysieren, von keinem Sinnbedürfnis abhängig machen darf.

Zugleich stehen die einzelnen Orte – wie auch die Steinwache – in ihrer symbolischen Besonderheit für die Zerstörung jener zivilisatorischen Selbstgewissheit, die sich im 18. und 19. Jahrhundert aufgebaut hatte und durch den 1. Weltkrieg bereits erschüttert worden ist – eine Erschütterung für die es eindrückliche Zeugnisse in der bildenden Kunst (George Grosz) und der Literatur (Alfred Döblin) der Zwischenkriegszeit gibt. Denn die Erschütterung war ja gerade deshalb da, weil man – und das keineswegs nur als Marxist – der Hoffnung war auf Fortgang der Geschichte zum unabweislich Besseren. Und das, was als sicher geglaubt wurde, brach nun von einem auf den anderen Tag zusammen.

Gerade das zeigt uns das 20. Jahrhundert: diese Fragilität einer Zivilisation. Wo immer wir leben – und das trifft in besonderer Weise gerade auch auf Dortmund zu – haben wir es räumlich nicht weit zu einem Lager, Nebenlager oder einer Folterkammer wie der Steinwache. Und dies vor nicht wenig mehr als 65 Jahren: eine zeitliche Nachbarschaft zu dieser Verwandlung eines Kernlandes der europäisch-atlantischen Zivilisation in einen Ort der Barbarei. Dort haben wir oder unsere direkten Vorfahren gelebt, auf diesem Boden sind wir geboren worden. Deshalb ist auch das Benennen und Verdeutlichen von Täterstrukturen so wichtig. Es geht also in unseren Gedenkstätten heute um das Bewusstsein einer Gefährdung unserer Zivilisation, von der man weiß, seit es klar ist, dass es eine Illusion war zu meinen, der Zivilisationsprozess seit der Französischen Revolution sei unumkehrbar; von einer Gefährdung, die immer aktuell bleiben wird. Denn nichts versteht sich von selbst in dieser Welt.

Und es geht um Scham, die jeden ergreift, der sich ergreifen lässt. Die Scham lässt sich nicht erzwingen. Es macht aber einen Unterschied ums Ganze, ob man theoretisch-historisch an einem neutralen Ort – etwa einem Museum – darüber redet, oder ob man am Ort des Geschehens ist. Aber erzwingen kann man es nicht. Man kann es nur wecken und üben, das Bewusstsein und die Scham. Und dazu sind Gedenkstätten da. Nicht nur sie, aber insbesondere sie.

Die Rede von Gisa Marschefski, Karfreitag 2008

Verehrte Angehörige der Ermordeten,
liebe Kameradinnen und Kameraden,
verehrte Anwesende,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Langemeyer!

In diesen Tagen ist es 63 Jahre her, seit das schier Undenkbare geschah. Um die 300 Frauen und Männer aus sieben Nationen Europas wurden hier, im Süden des Stadtgebiets, von Angehörigen der Geheimen Staatspolizei des Naziregimes gequält, ermordet und verscharrt. Mein Vater Erich Mörchel und sein Bruder Karl wurden, wie hunderte ihrer bekannten und unbekannten Kameradinnen und Kameraden des Widerstandes, Opfer eines zutiefst menschenfeindlichen Systems.

Die Zeit reicht nicht aus, um an dieser Stelle das Leid jener Menschen zu schildern, derer wir heute gedenken. Allein ein Blick auf die Fotos der exhumierten Mordopfer lässt erahnen, welchen Qualen sie ausgesetzt waren, bevor der tödliche Genickschuss ihrer Mörder sie traf. Tiefe Trauer umfängt uns, die Angehörigen, und sicher auch Sie, verehrte Anwesende, wenn wir diesen Platz mit seinem Mahnmal und den Gräbern unserer Toten betreten.

Es ist mehr als eine Bekundung unserer Trauer um die Ermordeten, die uns an jedem Karfreitag hier zusammenführt. Es ist mehr und mehr eine Kundgebung, welche unsere Trauer umwandelt in Sorge und Zorn darüber, dass 63 Jahre nach den Karfreitagsmorden von 1945 immer noch, und gegenwärtig verstärkt, geistige Erben der Nazimörder lauter und aggressiver werden. Nicht weit von hier, in Lippstadt, wurde vor kurzem ein Gedenkstein mit Farbe beschmiert. Dieser Gedenkstein trägt den Namen von sieben deutschen Arbeitern aus Lippstadt und von sechs ihrer französischer Kollegen. Gemeinsam wurden sie Opfer der deutschen, nazistischen Barbarei. Noch wissen wir nicht genau, wer das Denkmal für die Opfer der Rombergparkmorde geschändet hat. Wir erleben aber, dass solche Nazisschmierereien immer wieder auftauchen, in Lippstadt, in Dortmund und im ganzen Land.

Verehrte Anwesende, unter uns befinden sich Angehörige von einem der französischen Arbeiter, dessen Namen auf dem Gedenkstein in Lippstadt eingemeißelt ist. Zum ersten Mal nehmen Familienangehörige von Leon Chadirac, darunter dessen Tochter Brigitte Scamps-Chadirac, an den Gedenkveranstaltungen hier in der Bittermark und morgen in Lippstadt teil. Ich möchte ihnen sagen, dass ich zu tiefst empört bin darüber, dass das Andenken an Leon Chadirac und aller Rombergparkopfer von neonazistischen Banden geschändet wurde.

Dieses und zahlreiche andere Beispiele in unserer Stadt und im ganzen Land zeigen, wie notwendig es ist, gegen den Neonazismus und all seine Erscheinungen endlich mit staatlichen Mitteln vorzugehen. Ein sehr wichtiger und längst überfälliger Schritt wäre ein Verbot der neonazistischen NPD. Mehr als 175.000 Menschen in Deutschland haben mit ihrer Unterschrift die Aktion „NoNPD“ unterstützt und ein Verbot dieser Partei gefordert. Im Gedenken an meinen Vater und all seine hier ruhenden Kameradinnen und Kameraden rufe ich die Verantwortlichen in den Parlamenten und Regierungen auf: Verbietet endlich die neonazistische NPD, löst alle ihre Neben- und Unterorganisationen auf und verbietet ihre Aktivitäten!

Solche staatlichen Maßnahmen, verehrte Anwesende, können und sollen nicht den Einsatz der Demokraten für Demokratie, gegen jede Form des Rechtsextremismus und Neonazismus ersetzen. Im Gegenteil, solche staatlichen, polizeilichen Maßnahmen würden die Aktivitäten der Bevölkerung in Richtung der Verwirklichung unserer Verfassung begünstigen und dem Neonazismus den Boden entziehen. Der Rat der Stadt Dortmund hat einen lokalen Aktionsplan gegen Rechtsextremismus beschlossen. Dieser Plan, so scheint mir, ist ein geeignetes Mittel, die Demokraten zu aktivieren, um das Grundgesetz und die Landesverfassung mit Leben zu erfüllen und den Neonazismus in all seinen Erscheinungsformen zurückzudrängen. Ich möchte der Mehrheit der Ratsmitglieder, die diesen Plan beschlossen haben, danken und alle Ratsmitglieder auffordern, aktiv zu seiner Umsetzung beizutragen.

Erfreulicherweise wächst die Bereitschaft, vor allem jüngerer Menschen, aktiv zu werden gegen Rechtsextremismus und Rassismus. Das hat nicht zuletzt die Aktion „Zug der Erinnerung“ vom vorigen Monat gezeigt. In drei Tagen haben in Dortmund mehr als 7.000 Menschen die Ausstellung über die Deportation jüdischer Kinder während der Zeit des Naziregimes besucht. Fast 80 Schulklassen und Jugendgruppen haben die Ausstellung besucht und mit Zeitzeugen Gespräche geführt. Ein solches Erinnern an den dunkelsten Abschnitt deutscher Geschichte wird gleichzeitig dem Andenken der hier ruhenden ermordeten Frauen und Männer gerecht.

Wenn die demokratischen antifaschistischen Kräfte in unserer Stadt gemeinsam gegen Neonazismus, Rassismus und Ausländerhass auftreten, haben die Neonazis keine Chance ihr verderbliches Werk fortzusetzen. Dann gehört Dortmund voll und ganz den Demokraten. Nehmen wir uns alle zu Herzen, was der Leiter der Arbeitsstelle Jugend und Demokratie, Thomas Oppermann, während des 1. Antifaschistischen Jugendkongresses am 23. Februar 2008 in Dortmund sagte: „Faschisten können nur so stark sein, wie die demokratische Kultur schwach ist.“

 

 

Die Rede von Gisa Marschefski, Karfreitag 2007

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Miksch,
sehr geehrter Kamerad Chaize,
verehrte Kundgebungsteilnehmerinnen und –teilnehmer!

Es ist für mich, die Tochter des hier ermordeten Erich Mörchel und Nichte des hier ebenfalls ermordeten Karl Mörchel, ein gutes Gefühl zu erleben, dass auch in diesem Jahr wieder eine große Anzahl Menschen aus Dortmund und anderen Städten sowie aus dem Ausland an dieser Gedenkkundgebung teilnehmen.

Wir gedenken der Frauen und Männer aus sieben Nationen, die grausam ermordet wurden, weil sie Gegner des verbrecherischen Naziregimes waren. Alle hier liegenden deutschen Opfer der Gestapo waren schon vor 1933 aktiv im Kampf gegen den drohenden Hitlerfaschismus gewesen. Trotz großer Bemühungen war es den antifaschistischen Kräften nicht gelungen, den Machtantritt des Naziregimes zu verhindern. Die große Mehrheit unseres Volkes hat die Warnung „wer Hitler wählt, wählt den Krieg“ nicht ernst und den Machtantritt Hitlers am 30. Januar 1933 hingenommen. Damit wurde dem barbarischen braunen Terror Tür und Tor geöffnet.

Zuerst traf es die Kommunisten, dann die Sozialdemokraten und schließlich all jene, die aus christlicher oder humanistischer Verantwortung gegen das Hitlerregime waren. Sie, die sich vor 1933 nicht zur Einheit gegen Hitler fanden, traf dann gemeinsam der erbarmungslose Terror der Nazis.

So wurde jene Friedhofsruhe geschaffen, in der Antisemitismus, Völkerhass und eine bis dahin beispiellose Rüstungspolitik verwirklicht werden konnten. Das Ende dieses Prozesses ist uns allen bekannt: Holocaust, Völkermord, Krieg und Zerstörung allerorten in Europa. Die Terror- und Blutspur des Hitlerfaschismus zog sich bis hierher in die Bittermark, den Rombergpark und an die Bahngleise in Hörde. Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Christen und Juden traf die Mordlust der Gestapo gleichermaßen.

Die französischen Zwangsarbeiter, die sowjetischen Kriegsgefangenen, die polnischen Zwangsverschleppten, jugoslawischen, niederländischen und belgischen Verschleppten einte der Wunsch nach Beendigung des Krieges und das Verlangen, in ihre Heimat und zu ihren Familien zurückzukehren. Allein das war für die herrschenden Nationalsozialisten Grund für den hundertfachen Mord, den die Gestapo an den Bombentrichtern hier in den Wäldern des südlichen Dortmund um den Karfreitag 1945 verübte.

Dieses Massaker wird für immer ein Makel in der Geschichte unserer Heimatstadt Dortmund bleiben. Die Erinnerung daran ist eine dauernde Aufgabe aller demokratischen und antinazistischen Menschen in dieser Stadt. Die Stadt Dortmund in Person des Oberbürgermeisters und seiner Stellvertreter ruft seit vielen Jahren zu Kundgebungen an diesem Mahnmal auf. Das ist gut, und dafür bin ich als unmittelbar Betroffene sehr dankbar.

Zumal immer deutlicher wird, dass es gilt, diese Kundgebungen als Protest gegen den zunehmenden Neonazismus zu verstehen. Ein Blick in die Zeitung genügt, um zu erkennen, dass Antisemitismus, Rassismus und Gewalt neonazistischer Kräfte beängstigend zunehmen. Die Formen neonazistischer Gewalt werden aggressiver und provokativer. So will die NPD am 1. Mai durch Dortmund demonstrieren, vorbei an Gedenkstätten der Judendeportation, der Zwangsarbeit und der Karfreitagsmorde von 1945. Ich rufe von dieser Stelle und im Sinne der hier ruhenden Ermordeten alle Dortmunderinnen und Dortmunder auf, den Neonaziumtrieben Widerstand entgegenzusetzen, sich der Opfer des Naziterrors würdig zu erweisen.

Staatliches Handeln gegen die Neonazis ist notwendig. Ihre Aufmärsche sind zu verbieten, ein neues Verbotsverfahren gegen die NPD sollte auf den Weg gebracht werden. Die seinerzeit von Bundesregierung, Bundestag und Bundesrat geltend gemachten Verbotsgründe bestehen nach wie vor. Darum muss die NPD mitsamt ihren Gliederungen, Neben- und Nachfolgeorganisationen verboten und konsequent aufgelöst werden.

In der Auseinandersetzung und Zurückdrängung des Neonazismus sollten wir aber nicht allein auf solche staatlichen Maßnahmen warten. Jeden Tag und an jedem Ort gibt es vielfältige Möglichkeiten, aktiv zu sein gegen Neonazismus, Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit. Erfreulicherweise gibt es in Dortmund zahlreiche Gruppen, Organisationen und Bürgerinitiativen, die sich alle zum Ziel gesetzt haben, den Neonazismus zu stoppen. Ich bitte alle Dortmunderinnen und Dortmunder: Unterstützen Sie diese Initiativen besonders im Hinblick auf den 1. Mai! Werden Sie aktiv gegen Neonazismus! Helfen Sie mit, das Anliegen der Frauen und Männer zu verwirklichen, deren grausamen Tod wir heute beklagen!

Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg! Damals wie heute: Nazis sind Verbrecher, denen wir uns in den Weg stellen müssen!

 

 

Die Rede von Gisa Marschefski, Karfreitag 2006

Karfreitag 1945

Von der Bomben Wucht zerrissen
stöhnt der Wald in stummer Qual.
Stahl und Bäume, fest verbissen,
streichelt sanft ein Sonnenstrahl.

Aus dem Grund der Bombentrichter
steigt das Grauen einer Nacht,
die als Zeuge vor dem Richter
ihre stumme Aussag’ macht.

Was in dieser Nacht geschehen,
ist so voller Hass und Graus,
wie’s die Welt noch nie gesehen;
selbst die Hölle speit es aus.

Auf des Waldes dunklem Pfade
schleppten Bestien hinfort
Menschenleiber vor dem Rade
des Sadismus hin zum Mord.


Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Langemeyer,
sehr geehrter Herr Piat,
verehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Gedenkkundgebung!

Die von mir vorgetragenen Zeilen stammen aus einem Gedicht des Dortmunder Antifaschisten Karl van Haut. Er hat es geschrieben, kurz nachdem die Ermordeten in den Bombentrichtern aufgefunden wurden. Er hatte in mehrfacher Hinsicht eine besondere Beziehung zu den Ermordeten, derer wir heute gedenken. Er war, wie die meisten der Toten, Arbeiter, Bergmann auf einer Dortmunder Schachtanlage, also Kumpel, wie es im Sprachgebrauch des Ruhrgebietes hieß. Kumpel meines ermordeten Vaters, Kumpel von Karl Altenhenne, Gustav Budnick und Karl Schwartz, um nur einige der namentlich bekannten Opfer der Gestapo zu nennen.

Die besondere Beziehung bestand auch darin, dass fast alle deutschen Opfer der Karfreitagsmorde von1945 gemeinsam mit vielen Gleichgesinnten Widerstand gegen die 1933 errichtete Hitlertyrannei geleistet hatten. Dafür wurden sie von den Schergen des Nazisystems mit Folter, Zuchthaus und KZ-Haft bestraft und viele, allzuviele von ihnen wurden so, wie Karl van Haut es in seinem Gedicht beschreibt, umgebracht. Konnten sie schon nicht den Machtantritt der Hitlerclique 1933 verhindern, so wollten sie doch in der Folgezeit erreichen, dass Deutschland und Europa von einem deutschen Eroberungskrieg verschont blieb.

Das Streben der Widerstandskämpfer nach Frieden und Völkerverständigung war sehnsuchtsvoll und großartig, wurde aber von den Stiefeln der Hitlerschergen brutal und grausam zertreten. Zuerst Deutschland, dann wurden fast alle Länder Europas Opfer der großdeutschen Wahnidee Hitlers und seiner braunen Gefolgschaft.

Das, was die deutschen Antifaschisten seit 1933 erfahren und erlitten haben, mussten ab September 1939, nach dem Überfall Hitlers auf Polen, auch Millionen und Abermillionen von Menschen in den von der deutschen Naziwehrmacht okkupierten europäischen Ländern erfahren und erleiden. Tausende, ja Millionen von Frauen und Männern wurden in Gefangenschaft genommen, zur Zwangsarbeit verschleppt und insbesondere von den großen deutschen Rüstungskonzemen durch Zwangsarbeit ausgebeutet.

Die Zahl jener Menschen, die als Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter ums Leben gebracht wurden, wird sich wohl nie mehr genau ermitteln lassen. Wir wissen aber, dass allein 5.000 sowjetische Kriegsgefangene und zur Zwangsarbeit verschleppte Frauen, Männer und Kinder aus der Sowjetunion auf einem großen Friedhof in Dortmund-Brackel, am Rennweg, ihre letzte Ruhestätte haben.

Hier in der Bittermark, im Rombergpark und auf den Bahngleisen in Hörde wurden noch wenige Tage vor ihrer Befreiung 300 Zwangsverschleppte und Kriegsgefangene aus sechs europäischen Ländern mit ihren deutschen Gesinnungsfreunden bestialisch ermordet. Zwei jüdische Frauen, die sich bis dahin vor den Häschern der Gestapo verborgen gehalten haben, wurden ebenso ermordet wie christliche, sozialdemokratische und kommunistische Nazigegner.

Mit Hilfe der nationalsozialistisch-rassistischen und antisemitischen Ideologie vom angeblichen „deutschen Herrenmenschen“ wurden Millionen und Abermillionen Menschen, die nicht in dieses Muster der Naziideologie passten, zu „Untermenschen“ erklärt und ermordet. Es wurde das Wort vom „unwerten Leben“ in den Sprachgebrauch eingeführt. Kranke, hilfsbedürftige Menschen wurden ums Leben gebracht, weil sie für die sogenannte „deutsche Volksgemeinschaft“ unnötiger Ballast seien. Nicht weit von hier, auf dem Gelände der Landesklinik in Aplerbeck, befindet sich ein Mahnmal für diese heimtückisch ums Leben gebrachten kranken Menschen.

Es bleibt das ewige Verdienst der Widerstandsbewegung, gegen diese menschenverachtende Ideologie und Praxis gekämpft zu haben. Unter großen Opfern haben die Widerstandskämpfer, haben die Völker Europas und die Armeen der Anti-Hitler-Koalition das zutiefst unmenschliche System des Faschismus besiegt. Zu ihnen gehören die Frauen und Männer des Karfreitag 1945. Wir sind ihnen dankbar dafür und sollten ihr Wirken und ihren Tod als Vermächtnis an uns Lebende betrachten.

Obwohl das „Grauen einer Nacht“, wie Karl van Haut es ausdrückte, erst 61 Jahre zurückliegt, sind in unserem Lande Töne zu hören, die uns sehr stark an das erinnern, von dem wir meinten, dass es 1945 vorüber sei: „Deutschland den Deutschen“, „Ausländer raus“, „Deutsche zuerst“ und andere fremdenfeindliche Parolen und Aktivitäten zeugen von chauvinistischer Gesinnung, Intoleranz gegenüber Fremdartigem, gegenüber bei uns lebenden Menschen mit Migrationshintergrund und anderen religiösen- und Lebensgewohnheiten sind allerorten spürbar.

Höchst seltsam und sehr verdächtig klingt mir die Forderung von Parteien und Politikern in den Ohren, wir brauchten eine „Leitkultur“. Wir sollten angesichts der Erfahrungen der Geschichte aufpassen, dass aus einer wie auch immer gearteten „Leitkultur“ nicht eine Kultur des Leids für die Minderheiten in unserem Land wird. Eine solche  „Leitkultur“ würde auch vor der Mehrheit der Bevölkerung in unserem Land nicht Halt machen. Anstatt über „Leitkultur“ zu schwafeln, wäre es besser, jene Kräfte zu unterstützten, die sich aktiv gegen Neonazismus, für Völkerverständigung und für friedliches Nebeneinander aller hier lebenden Menschen einsetzen.

Anstatt solcher propagandistischer, nach Chauvinismus riechender Schlagworte wie „Wir sind Deutschland“ oder „Du bist Deutschland“ sollten wir uns die Ideen des internationalen antifaschistischen Widerstandskampfes zueigen machen und verbreiten: Völkerverständigung, Toleranz  gegenüber Minderheiten, Solidarität mit den Schwächsten in unserer Gesellschaft, das haben uns die Ermordeten des Karfreitags vorgelebt.

Herr Oberbürgermeister, Sie gestatten, dass ich aus einer Rede zitiere, die Sie vor einigen Wochen bei einer Feierstunde im Rathaus gehalten haben. Sie sagten damals unter anderem: „Die Bittermark ist ein Teil der Geschichte unserer Stadt, und der Karfreitag in der Dortmunder Bittermark ein Blick zurück in Trauer“. Und weiter sagten Sie: „Der Dortmunder Karfreitag in der Bittermark ist aber gleichzeitig ein Ort des Zusammenfindens von Menschen aus verschiedenen Nationen, die hier alljährlich bekennen: Wir wollen in Frieden, Respekt und in Achtung vor den Anderen gemeinsam miteinander leben. Deshalb ist die Bittermark auch ein Ort, der Mut, Vertrauen und Kraft schenkt. Die Bittermark ist das Gewissen der Stadt.“

Liebe Bürgerinnen und Bürger, ich rufe sie auf, das „Gewissen Bittermark“ wachzuhalten und weiterzutragen an die Menschen in dieser Stadt, in die Schulen, in die Betriebe und Gewerkschaften, in die Parteien, Verbände, Vereine und Religionsgemeinschaften. Sorgen wir gemeinsam dafür, dieses Gewissen zu schärfen, damit in diesem Lande nie wieder Unmenschlichkeit die Menschlichkeit besiegt!

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

 

 

Auschwitzüberlebende Van der Hoek-de Vries zur neuen Präsidentin des Internationalen Rombergpark-Komitees gewählt

Das Internationale Rombergparkkomitee in Dortmund traf sich am Gründonnerstag, dem 13. April 2006, zu seiner Jahresversammlung, um am Karfreitag, dem 14. April, an den Gedenkveranstaltungen für die Opfer der Dortmunder Karfreitagmorde 1945 mitzuwirken. Diese städtische Gedenkkundgebung vereinte über 1500 Menschen.

Im Mittelpunkt der Jahresversammlung stand das Thema „Gegenwart und Zukunft des Gedenkens“. Referent war Dr. Hans Coppi (Historiker, Berlin), dessen Forschungsschwerpunkt der Widerstand der Arbeiterbewegung ist. Coppi wurde 1942 in einem Berliner Frauengefängnis geboren; kurz danach wurden seine Eltern Hans und Hilde Coppi als Mitglieder der Widerstandsbewegung „Rote Kapelle“ hingerichtet. Er hat sich auf einer Abendveranstaltung in der Gedenkstätte „Steinwache“ den Fragen interessierter Menschen gestellt.

Dort wurde auch der Film „Wahrzeichen ohne Gedenken“ über das Kriegsgefangenenlager Stalag VI D in der Westfalenhalle präsentiert. Die Historikerin Regina Mentner (Dortmund) hat den Forschungsschwerpunkt Westfalenhallen-Stalag, und sie hat den Film erläutert. Auch die ehemaligen NS-Opfer Celine van der Hoek-de Vries (Auschwitzüberlebende aus Amsterdam) und Valentina G. Sushchenko (Moskau, ehemalige Zwangsarbeiterin in der Westfalenhütte) waren anwesend.

Celine van der Hoek-de Vries wurde zur neuen Präsidentin des Internationalen Rombergparkkomitees gewählt. Mehr über die neue Präsidentin unter http://www.nrw.vvn-bda.de/texte/0116_celnie_van_der_hoek.htm

Aus dem Referat von Dr. Hans Coppi:

Keinen Schlussstrich und keine Täter-Opfer-Gleichsetzung zulassen

Vor dem Hintergrund der (Opfer-)Debatten um den 8. Mai 2005 haben wir der Frage nachzugehen, inwieweit die Erinnerung an die Opfer des Faschismus in das kollektive Gedächtnis der Deutschen eingegangen ist, ob die Gedenkkultur den Opfern gerecht wird und sie dem Ausmaß der Verbrechen angemessen ist. Und wie sollte eine Erinnerungskultur aussehen, die zu einer Perspektive einer emanzipativen Gesellschaft beiträgt?

Auf den ersten Blick scheint es keinen Mangel an Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus zu geben. 60 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus gibt es nun endlich ein Holocaust-Mahnmal in der neuen alten Hauptstadt. Anlässlich der wichtigen Gedenktage (27. Januar, 8. Mai, 9. November…) gibt es offizielle Gedenkveranstaltungen. Regelmäßig gibt es Wettbewerbe für Jugendliche, die zur Beschäftigung mit dem Thema anhalten.

Dem gegenüber steht allerdings eine Gleichsetzung von Tätern und Opfern, wie sie sich am deutlichsten in der Berliner Neuen Wache äußert, die „allen Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft“ gewidmet ist. Die Debatte um die Friedenspreisrede von Martin Walser, die Schlussstrichdebatte um die Entschädigung der Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen, die Legitimierung des Kosovo-Krieges mit Auschwitz oder die Gedenkveranstaltungen anlässlich der Jahrestage der Bombardierung deutscher Städte sind weitere negative Beispiele.

In der Gesamtschau muss man zu der Einschätzung kommen, dass die offiziellen Gedenkveranstaltungen vielfach den Opfern nicht gerecht werden und ein verzerrtes Bild vom Nationalsozialismus zeichnen.

Diese „Geschichtsaufarbeitung“ ist geprägt von dem Interesse Deutschlands, endlich einen Schlussstrich unter die Geschichte ziehen zu können und als geläuterter Staat in der internationalen Staatenkonkurrenz eine führende Position einnehmen zu können. So muss also das Gedenken notwendig – weg von der Erinnerung an das größte Verbrechen an der Menschheit –  zur bloßen Routine im Sinne des Schlussstrichs werden. Dieser Gedenkroutine gilt es etwas entgegenzusetzen. Wir brauchen ein Gedenken, das in dem Geist der Forderung, dass es nie wieder geschehe, steht und die historischen Kausalitäten benennt. Dabei sollen, so lange noch Zeitzeuginnen und Zeitzeugen am Leben sind, diese zu Wort kommen.

Ansonsten muss ein Paradigmenwechsel stattfinden, da der Fokus nicht mehr auf den Erinnerungen der Überlebenden liegen kann. Das bedeutet, dass die Ereignisse den nachfolgenden Generationen nahegebracht werden müssen, auf dass diese die Wiederholung derartiger Verbrechen zu verhindern wissen und in Richtung einer emanzipativen Gesellschaft streben. In diesem Sinne muss Gedenkkultur also aus Dokumentation, fortwährender Erinnerung und Prävention bestehen.“