Trauer um Wladimir Gall

Der Förderverein Gedenkstätte Steinwache/Internationales Rombergparkkomitee trauert um seinen Freund und Kampfgefährten Wladimir Gall aus Moskau, der am 9. September 2011 92jährig gestorben ist.

Wladimir Gall war wiederholt in Dortmund, auch bei den Karfreitagsveranstaltungen, zu Gast. So zeigte er im Jahr 2008 den DEFA-Film „Ich war 19“, in dem seine mutige Tag zur Rettung hunderter Zivilisten 1945 aus der Spandauer Zitatelle dargestellt wird. Er erreichte, dass SS und Wehrmacht dort am 1. Mai 1945 kapitulierten und nicht länger Frauen, Kinder und Greise als Geiseln hielten. Der Kommunist Wladimir Gall war Lehrer an der Antifa-Schule in Krasnogorsk, Hochschullehrer und Kulturpolitiker.

Wladimir Gall (rechts) 2008 in der Gedenkstätte Steinwache mit Ullrich Sander und Gisa Marschefski vom IRPK

Der Förderverein Gedenkstätte Steinwache/Internationales Rombergpark-Komitee trauert mit Galls Familie um einen großen und bescheidenen Menschen, der sei Leben dem Ringen für eine Welt ohne Ausbeutung und Krieg widmete. Seine beispielhafte humanitäre Tat sollte unvergessen bleiben.

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Zum Gedenken

Wladimir Gall zum Gedenken

Nach einem Text von Dietrich Schulze

Berlin im Mai 1945. In der Zitadelle Spandau haben sich Wehrmacht- und SS-Einheiten mit deutscher Zivilbevölkerung verschanzt. Wladimir Gall, ein junger Oberstleutnant der Roten Armee, wird als Parlamentär beauftragt, die Besatzung der Spandauer Zitadelle zur Aufgabe zu bewegen. Die Festung ist eingeschlossen und muss aus militärstrategischen Gründen eingenommen werden.

Der Festungskommandant, ein älterer Wehrmachtoffizier, bescheidet die Parlamentäre, dass seine Offiziere die Kapitulation ablehnen. Der Auftrag wäre damit erledigt. Doch Wladimir, der die deutsche Sprache beherrscht, durchdrungen von der Sinnlosigkeit dieser verbrecherischen Entscheidung, die den sicheren Tod vieler deutscher Zivilisten zur Folge haben würde, trifft eine spontane Entscheidung: Er fragt, ob er direkt mit den Offizieren sprechen könne. Der Kommandant hebt vielsagend die Schultern und antwortet ihm: „Wenn Sie meinen.“ Will sagen: „Wenn Sie sich in die SS-Höhle begeben und darin umkommen wollen, ist das Ihre Entscheidung.“

Sie klettern auf der Strickleiter die Brüstung hoch. Wladimir spricht zu den jungen, kaltblütigen SS-Offizieren, die von einer Entsatzarmee faseln. Er klärt sie über die Propaganda und über die tatsächliche militärische Lage auf. Nicht als gefühlter Sieger, sondern von Militär zu Militär, sachlich und beherrscht über die Aussichtslosigkeit der Lage informierend und darüber, dass die Zivilisten geschont werden sollten. Mit starker innerer Anspannung, einer unbewussten Mischung aus humanistischem Pflichtgefühl und der Wahrnehmung der Gefahr.

Dann wird ihm eine Augenbinde angelegt und er wird abgeführt. Erst in diesem Augenblick, sagt mir Wladimir (Wolodja) in einem Gespräch nach einer Filmvorführung, sei ihm bewusst geworden, in welcher Lebensgefahr er schwebte. Über Geheimgänge wird er aus der Zitadelle heraus geführt. Doch sein beherzter Auftritt hat seine Wirkung nicht verfehlt: Am nächsten Tag kapitulierten die faschistischen Militärs, die deutsche Zivilisten als Geiseln verheizt hätten, so wie das anderenorts geschah, zum Beispiel bei Halbe.

Der Sowjetbürger Wladimir Gall rettete ihnen das Leben. Wie seine Mitstreiter in der Roten Armee hat er gegen die deutschen Faschisten, nicht gegen die Deutschen gekämpft. Deutsche Antifaschisten kämpften Schulter an Schulter mit den Soldaten der Alliierten, im „Nationalkomitee Freies Deutschland“ (NKFD) auf der Seite der Sowjetunion und im „Nationalkomitee Freies Deutschland für den Westen“.

Die FIR tagte in Wien zum 60. Gründungstag – Ein antifaschistischer Verband mit langer Tradition und großen Zukunftsaufgaben

Vilmos Hanti aus Ungarn neuer FIR-Präsident / Rombergpark-Komiteemitglied Piet Schouten Vizepräsident / Ehrung für Celine van der Hoek de Vries / Tausend Jugendliche besuchen die Gedenkstätte Auschwitz

Über 130 Delegierte und Gäste aus 16 europäischen Ländern und Israel – der Älteste von ihnen war Spiros Kotoros, ein 99-jähriger griechischer Partisan – kamen Anfang Juli 2011 im „Alten Rathaus“ von Wien zusammen, um das 60. Gründungsjubiläum der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer (FIR) – Bund der Antifaschisten zu begehen. Zuvor wurde eine außerordentliche Konferenz veranstaltet, um einen neuen Präsidenten zu wählen und eine neue große Aktion, die Fahrt von eintausend Jugendlichen Europas in die Gedenkstätte Auschwitz, vorzubereiten. Aus Dortmund haben Gisa Marschefski und Günter Bennhardt (Förderverein Gedenkstätte Steinwache / Internationales Rombergparkkomitee), Traute Sander (Landeskassiererin der VVN-BdA NRW) und Ulrich Sander (VVN-BdA-Bundessprecher) an der Konferenz teilgenommen.

In der Erklärung zum 60. Gründungsjubiläum der FIR heißt es: „Gemeinsam mit den Angehörigen heutiger Generationen handeln wir gegen Neofaschismus und extreme Rechte, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus, Krieg und internationalen Terrorismus sowie deren gesellschaftliche Wurzeln. So schaffen wir eine ‚neue Welt des Friedens und der Freiheit!’“ Dies sei nur in enger Verbundenheit zwischen den antifaschistischen Verbänden in den verschiedenen Ländern und im Bündnis mit Kräften der Zivilgesellschaft möglich.

In deren Grußworten wurde sichtbar, welche Bedeutung die FIR hat: Mit dem belgischen „Institut des Vétérans“ organisiert die FIR internationale Jugendtreffen und Beiträge zur Erinnerungsarbeit. Der ehemalige ungarische Präsident Dr. Arpad Göncz erinnerte in einer verlesenen Grußbotschaft an die Bedeutung des Kampfes um Demokratie und Freiheitsrechte – eine Botschaft von großer Aktualität im heutigen Ungarn. Der Weltgewerkschaftsbund unterstrich die Gemeinsamkeit der Ideale von Antifaschisten und Arbeiterbewegung bei der Schaffung einer gerechten, sozialen und friedlichen Welt. Der russische Kriegsveteranenverband, die italienische Partisanenorganisation ANPI und das Internationale Komitee Buchenwald-Dora und Kommandos betonten die Internationalität des Antifaschismus.

Gegründet 1951 in der Zeit des Kalten Krieges, stellte die FIR die Einheit der ehemaligen Kämpfer und Teilnehmer der Anti-Hitler-Koalition gegen die Gefahr neuer Kriege, gegen den Nazismus, gegen den Abbau demokratischer Rechte und Freiheiten in den verschiedenen europäischen Ländern ins Zentrum. Die Erinnerung an den antifaschistischen Kampf versteht die FIR nicht allein als Traditionsarbeit, sondern als historisches Vermächtnis, welches das politische Handeln für die Verwirklichung der gemeinsamen Losung „Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!“ begründet.

Dies wird in einer gedruckten Präsentation deutlich, die einen Überblick über das Handeln und zahlreiche Höhepunkte der vergangenen Jahrzehnte liefert. Auf Bildern sind Großaktionen gegen Neofaschisten und SS-Verbände, Konferenzen zu medizinischen oder historischen Themen, Friedensaktionen, das internationale Jugendtreffen in Buchenwald und Persönlichkeiten aus 60 Jahren FIR-Geschichte zu sehen. Natürlich fehlt nicht die Urkunde von 1987, mit der die Vereinten Nationen die FIR als „Botschafterin des Friedens“ würdigten.

Das jüngste Mitglied des Leitungsgremiums der FIR, der Portugiese David Pereira, übergab 20 Veteranen der antifaschistischen Bewegung die „Ehrenmedaille der FIR“. Auch Celine van der Hoek de Vries aus Amsterdam, Ehrenmitglied des Dortmunder Fördervereins Steinwache / Internationales Rombergparkkomitee, erhielt die Ehrenmedaille. 

Zum Abschluss rief der neugewählte Präsident der FIR, der Ungar Vilmos Hanti, die Antifaschisten unterschiedlicher politischer und gesellschaftlicher Überzeugung dazu auf, in Erinnerung an die Gemeinsamkeiten des Kampfes gegen die faschistische Bedrohung heute gemeinsam für Frieden, soziale Gerechtigkeit, gegen Diskriminierung und Rassismus, für Freiheit und Demokratie, also für Antifaschismus einzutreten. 

Bei der Wahl hatten die Delegierten zu entscheiden zwischen Vilmos Hanti, der 21 Stimmen bekam, und dem alten wie neuen Vizepräsidenten Christos Tzinzilonis, der 11 Stimmen erhielt. Hanti ist Präsident des ungarischen Verbandes der Widerstandskämpfer und Antifaschisten – demokratische Union (MEASZ). Wiederholt ist der Sozialdemokrat inzwischen von den in Ungarn autoritär herrschenden Kräften bedroht worden. Er folgt als Präsident dem verstorbenen Michel Vanderborght aus Belgien nach. Ilja Kraev aus Russland und Piet Schouten aus den Niederlanden (Mitglied des Fördervereins Gedenkstätte Steinwache / Internationales Rombergparkkomitee) wurden zu weiteren Vizepräsidenten gewählt. Erstmals in der Geschichte der FIR gehören alle Neugewählten der Nachkriegsgeneration an. 

22. Juni 2011: 70. Jahrestag des faschistischen Überfalls auf die Sowjetunion

Internationale Vereinigung der Widerstandskämpfer FIR* würdigt die Leistung der Völker der Sowjetunion im Kampf gegen den Faschismus


Sowjetisches Ehrenmal in Berlin-Treptow

Am 22. Juni 1941 überfielen die Truppen Hitlerdeutschlands und seiner Verbündeten die Sowjetunion. Damit begann das letzte Kapitel der Aggression des deutschen Faschismus gegen alle europäischen Völker.

Doch dieser Krieg war nicht allein ein Eroberungskrieg um Raum und Ressourcen, es war von der Ideologie und Kriegsplanung ein Vernichtungskrieg gegen den „jüdisch-bolschewistischen“ Feind, in dem die Regeln der Haager Landkriegsordnung von Anfang an außer Kraft gesetzt waren.

Die Generalität der Deutschen Wehrmacht machte mit dem Kommissarbefehl und dem Generalplan Ost sowie dem Wirken der Einsatzgruppen deutlich, dass sie dieses Konzept des Vernichtungskriegs von Anfang an unterstützte. Dieser Vernichtungswille zeigte sich in zahlreichen Mordaktionen, die reguläre Wehrmachtseinheiten und Einsatzgruppen des SD (Sicherheitsdienst der SS) gegen jüdische und slawische Bevölkerungsgruppen in den okkupierten Gebieten verübten. Allein dem Massaker von Babi Jar fielen im September 1941 über 30.000 Menschen zum Opfer.

Trotz anfänglicher Verluste und einem notwendigen Rückzug gelang es der sowjetischen Armee im Laufe des Jahres 1941 immer besser, der Wehrmacht militärisch entgegenzutreten. Im Dezember 1941 brachte sie in der Schlacht vor Moskau den Vormarsch der deutschen Truppen endgültig zum Stehen. Die Illusion eines „Blitzsiegs“ war geplatzt.

In dieser Zeit vereinigten sich alle positiven Kräfte der Völker der Sowjetunion im gemeinsamen Kampf gegen die Aggression. Dazu gehörten
– die mutig kämpfenden Truppen der Roten Armee. Nach dem Überfall meldeten sich tausende Freiwillige für die Verteidigung der Heimat.
– die Heimatfront, die durch enorme Anstrengungen in der Rüstungsproduktion den Truppen die notwendige Ausrüstung bereit stellte.
– die Partisaneneinheiten, die im Rücken der vorgerückten deutschen Einheiten begannen, die Versorgungswege zu blockieren und durch eigene militärische Aktionen eine große Zahl von Einsatzkräften im Hinterland banden.
– die Bevölkerung der Stadt Leningrad, die seit dem Herbst 1941 eine Blockade von 900 Tagen aushielt, bevor es gelang, die faschistischen Aggressoren zu vertreiben.

Im Februar 1943 siegte die sowjetische Armee unter riesigen Opfern von Soldaten und Zivilisten in der Schlacht von Stalingrad. Diese Schlacht stellte einen historischen Wendepunkt in der Auseinandersetzung der Anti-Hitler-Koalition mit dem expansionistischen Anspruch des deutschen Faschismus dar und leitete die endgültige militärische Niederlage des Hitlerfaschismus und seiner Verbündeten ein.

In dieser Phase des Kampfes wurde die sowjetische Armee unterstützt von allen Kräften der Anti-Hitler-Koalition: von militärischen Verbänden der Länder, die noch vom deutschen Faschismus okkupiert waren, und auch von deutschen Antifaschisten, die als Frontbeauftragte des „Nationalkomitees Freies Deutschland“ versuchten, auf die deutschen Soldaten Einfluss zu nehmen.

Dieser gemeinsame Kampf endete erst im Mai 1945 mit der vollständigen militärischen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht. Mit voller Berechtigung begehen daher die Völker Russlands und der anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion den 9. Mai als „Tag des Sieges“.

Die FIR grüßt alle ehemaligen sowjetischen Kriegsveteranen und die Veteranen des antifaschistischen Kampfes. Wir trauern um alle, die in diesem Kampf ihr Leben lassen mussten, und danken allen, die mit ihrem Handeln zum antifaschistischen Sieg beigetragen haben.

(*Der Förderverein Gedenkstätte Steinwache / Internationales Rombergpark-Komitee ist Mitglied der FIR.)

Gelungene Erneuerung der Erinnerungsarbeit

Das Gedenken an die Opfer der Dortmunder Karfreitagsmorde von 1945 hat die Umstellung vom gemeinsamen Erinnern mit Zeitzeugen auf das Erinnern weitgehend ohne Zeitzeugen gut überstanden. Es bewährte sich, dass sich das Internationale Rombergparkkomitee mit dem Förderverein Gedenkstätte Steinwache zusammenschloss und nun gleichberechtigter Partner der Stadt Dortmund ist.

Und auch die Veränderungen bei der Großkundgebung am Karfreitag, dem 22. April: Die Worte aus Frankreich nun als schriftliche Grußbotschaft, die Rede des Vorsitzenden des vereinten Komitees, die wieder einmal stärkere Beteiligung an der Kundgebung und am Heinrich-Czerkus-Gedächtnislauf, der Jugendchor, die gemeinsam mit Gisa Marschefski vorbereiteten Worte der Schülerinnen und Schüler der Geschwister-Scholl-Gesamtschule vor allem auch zum Arbeiterwiderstand – dies alles waren hoffnungsvolle Signale für ein gelungenes Hinüberwachsen der Erinnerungsarbeit in eine Phase notwendiger Veränderungen.

Erste Vollsitzung des neuen Vereins

Auf der Grundlage einer neuen gemeinsamen Satzung kam der „Förderverein Gedenkstätte Steinwache / Internationales Rombergparkkomitee“ am Gründonnerstag, dem 21. April 2011, zu seiner ersten Vollsitzung zusammen, und zwar im traditionsreichen Versammlungsraum der Steinwache. Die Teilnehmer kamen aus dem Ruhrgebiet und aus den Niederlanden. Die Mitglieder aus Russland, Polen und Frankreich grüßten aus der Ferne und kündigten an, bei künftigen Vollsitzungen wieder dabei zu sein.

Gisa Marschefski (Ehrenvorsitzende), Norbert Schilff (stellvertretender Vorsitzender) und Ulrich Sander (Vorstandsmitglied) führten durch die Tagesordnung. Das Treffen wurde musikalisch eingeleitet durch den Dortmunder Musiker Reinhard Timmer, der ein Lamento, eine Hommage an die soeben mit dem Bundesverdienstkreuz geehrten Edelweißpiraten und ein traditionelles Liebeslied vortrug.

Eine lebhafte Diskussion entspann sich nach dem Referat von Dr. Ulrich Schneider aus Kassel (Generalsekretär der Föderation des Internationalen Widerstandes FIR) zum Thema „Geht Europa nach rechts?“. Eine Zusammenfassung des Referats findet sich hier.

In der Diskussion zum Referat wurde die Frage aufgeworfen, wie der antifaschistische Konsens von 1945 wiederhergestellt werden kann.
Thematisiert wurden:
– Die Notwendigkeit, die Rolle der Europäischen Volkspartei und darin die Rolle der CDU als führendes EVP-Mitglied bei der gefährlichen Rechtsentwicklung in Europa zu verdeutlichen.
– Das Phänomen, dass in Frankreich Kriege populär sind, in Deutschland aber die Regierung vor neuen Kriegsbeteiligungen immerhin zurückschreckt und auf die Bevölkerung Rücksicht nimmt.
– Die Bedeutung der großen Krise für die Rechtsentwicklung und damit die Gefahr erneuter Versuche von Krisenauswegen mittels scharfen Rechtskurses.
– Das Verhältnis des Sarrazinismus (oder besser -zynismus) zu den deutschen und europäischen Rechten und die Möglichkeit, dass sich eine Rechtsentwicklung in Deutschland weniger mittels NPD etc. Bahn bricht als durch die rechte Radikalisierung der Mitte.
– Die Funktion der Extremismus-Kampagne der Bundesregierung im Kontext der europäischen Entwicklung, um mittels Gleichsetzung von linken Antifaschisten mit Faschisten zu einer Geschichtsrevision und einem rechten Auftrieb zu gelangen.
– Die Rückkehr des Antiziganismus und anderer Formen des Rassismus im Zusammenhang mit der neuen Reisefreizügigkeit innerhalb der Europäischen Union.

Im weiteren Verlauf der Aussprache wurde zur Entwicklung der fragwürdigen Rolle Dortmunds als neofaschistischer Brennpunkt Stellung genommen. Glücklicherweise gebe es in Dortmund eine breite Ablehnung gegenüber den Faschisten. Die Vorbereitungen zur Abwehr der Neofaschisten am 3. September 2011 wurden begrüßt.

Die Tatsache, dass mit der Karfreitagstradition sowohl in der Bittermark als auch mit den Gründonnerstagstreffen in der Steinwache die Zusammenarbeit der antifaschistischen Linken verschiedener Parteizugehörigkeiten manifestiert wurde, ist ein ermutigendes Zeichen. Norbert Schilff fasste es zusammen: „Dass Dortmund zum Zentrum der Nazis werden konnte, ist eine Schande für die Stadt. Aber hervorzuheben ist der Konsens des Antifaschismus, der seit dem Kalten Krieg besteht und durch diesen nicht zerstört werden konnte, der Konsens der Kräfte von der SPD bis weit links von der SPD. Ja, man kann fast von einer Volksbewegung gegen Rechts sprechen. Die Forderung der CDU nach Ausgrenzung der Linken im Antifaschismus wird nicht zum Zuge kommen.“

Weitere Kundgebungen in Huckarde, Lünen, Brackel und Lippstadt

Von der antifaschistischen Gemeinsamkeit waren dann auch die Kranzniederlegungen mit Kurzansprachen in Huckarde, Lünen, auf dem Internationalen Friedhof Brackel und in Lippstadt geprägt, und dann schließlich die große Kundgebung in der Bittermark mit dem neuen Vorsitzenden Ernst Söder als Redner und Bürgermeisterin Birgit Jörder als Rednerin der Stadt.

Gemeinsam Widerstand leisten!

Die Reden der Schülerinnen und Schüler der Geschwister-Scholl-Gesamtschule Dortmund


Sehr geehrte Damen und Herren!

Wir, die Schüler der Geschwister-Scholl-Gesamtschule, haben uns mit den Verbrechen im Rombergpark und in der Bittermark beschäftigt und kurze Beiträge für diesen besonderen Gedenktag verfasst. Mein Name ist Jana Seifert, und ich werde Ihnen meine Mitschüler und ihre Beiträge vorstellen.

Zwischen dem 7. März und 12. April 1945 wurden in Dortmund 300 Menschen ermordet – auch an diesem Ort. Die Opfer wurden gefoltert und erschossen. Um diese Verbrechen nicht zu vergessen, wurde das Mahnmal hier in der Bittermark errichtet.

Als erstes wird uns Nathalie Beier über einige Widerstandsgruppen und verschiedene Formen des Widerstands berichten. Janina Herwig und Alina Müller wollen einige der Opfer würdigen. Zunächst geht es um Heinrich Czerkus. Dann um Erich und Karl Mörchel. Dazu trafen sie sich mit Gisa Marschefski, der Tochter von Erich Mörchel und ehemalige Generalsekretärin des Internationalen Rombergparkkomitees.

Als nächstes wird Kimberly Zolper von der Lage der Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter in Dortmund von 1939 bis 1945 berichten. Annika Wessing wird uns über die Widerstandsgruppe „Die weiße Rose“ informieren, denn die Namensgeber unserer Schule, die Geschwister Scholl, sind für uns wichtig. Das abschließende Wort hat unser Schülersprecher Luca Fröhlich.


Politisch motivierter Widerstand

Uns ist es wichtig, den politisch motivierten Widerstandskämpfern zu gedenken. Sie kamen aus der Kommunistischen Partei Deutschlands, der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, der Sozialistischen Arbeiterpartei und den Gewerkschaften. Die Widerstandskämpfer wurden verhaftet, gefoltert, misshandelt und mussten oft im Kampf gegen das NS-Regime ihr Leben lassen.

Dabei haben vor allem die Mitglieder und Sympathisanten der KPD unsere Anerkennung verdient, weil sie am stärksten von der politischen Verfolgung durch die NSDAP betroffen waren. Allein in Dortmund zählten 1260 Kommunisten zu den politisch Verfolgten.

Mehrere Gruppen, die im Widerstand aktiv waren, schlossen sich zu Widerstandskreisen zusammen. Dazu gehörten die Sozialdemokraten, die Kommunisten, die Gewerkschaften, die Oppositionellen des Militärs und die Geistlichen. Gemeinsam druckten sie Anklagen und Informationen gegen die Nazi-Diktatur. Die Flugblätter und Schriften wurden zum Beispiel auf Klebezetteln oder durch die Post verbreitet.

Die „Winzen-Gruppe“ oder „Neuer Sozialismus“, benannt nach dem Kopf der Gruppe, Paul Winzen, war eine Dortmunder Widerstandsorganisation. Die Widerstandskämpfer trafen sich regelmäßig illegal in verschiedenen Wohnungen, druckten antinazistische Flugblätter und hörten ausländische Rundfunksendungen ab. Ihnen drohte bei der Verhaftung unter anderem das Todesurteil wegen Hochverrats. Zwei Mitglieder dieser Gruppe wurden in Berlin-Plötzensee mit dem Fallbeil hingerichtet.

Die stärkste Waffe des Widerstandes stellte die Veröffentlichung von antifaschistischer Literatur dar, mit der man versuchte, Wissen und Informationen weiterzugeben und eine möglichst breite Masse des Volkes über das Wesen des NS-Unrechtsregimes aufzuklären. Auf diese Weise wurde der Bevölkerung vermittelt, dass Widerstand existierte. Die Widerstandskämpfer ermutigten sich auch gegenseitig, weiterzumachen und für ihre Rechte und die ihrer Mitmenschen einzustehen.


Frauen im Widerstand

Auch Frauen beteiligten sich im Kampf gegen den Nationalsozialismus. Viele von ihnen leisteten aus ganz verschiedenen Gründen Widerstand, so zum Beispiel aus religiösen Gründen, persönlicher Gewissensnot oder aber aus politischen Gründen.

An dieser Stelle möchte ich eine Frau besonders hervorheben, ihr Name war Martha Gillessen. Die politisch motivierte Kommunistin und dreifache Mutter nahm, mutig wie sie war, den Kampf gegen das Nazi-Regime auf, verbreitete Broschüren gegen die Nazis und wurde daraufhin von der Gestapo festgenommen. Martha Gillessen wurde am 19. April 1945 tot im Rombergpark aufgefunden. Sie stellt ein Beispiel für die Frauen dar, die während der Nazi-Diktatur nicht nur Zivilcourage zeigten, sondern auch bereit waren, im Kampf gegen den Nazi-Terror mit ihrem Leben zu bezahlen.


Das Stauffenberg-Attentat

Das Attentat des Grafen Schenk von Stauffenberg vom 20. Juli 1944 steht für den militärischen Widerstand. Wilhelm Canaris, ein gebürtiger Aplerbecker, förderte diese konservativen Widerstandskreise als Leiter des militärischen Nachrichtendienstes. Mit Hilfe seines Amtes ermöglichte Wilhelm Canaris vielen politisch Verfolgten die Flucht ins Ausland. Ihm zu Ehren ist eine Straße im Kern des Bezirks Aplerbeck benannt. Nach dem Attentat wurde er von der SS verhaftet und am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg erhängt.


Widerstand in der Bevölkerung

Mit Kriegsbeginn wuchs auch die Skepsis der Bevölkerung hinsichtlich der Maßnahmen und Pläne des NS-Regimes. Daher stieg in der darauffolgenden Zeit auch das Verlangen nach alternativen Informationen an, statt nur auf die übliche Propaganda angewiesen zu sein, die von der Regierung verbreitet wurde. Ein Teil der Bevölkerung hörte daher heimlich ausländische Radiosendungen ab, was zum Teil mit KZ-Haft, aber auch mit der Todesstrafe geahndet wurde.

Auch Jugendliche engagierten sich im Widerstand. So entstand in der Gegnerschaft zur Hitlerjugend auch in Dortmund eine Protestbewegung junger Leute, die sich „die Edelweißpiraten“ nannte. Sie fielen vor allem durch ihre antifaschistischen Aktionen auf. Auch das Verteilen von Flugblättern gehörte dazu. Die Jugendlichen wurden von der Gestapo verfolgt, verhaftet, gefoltert und ermordet.


Widerstand aus christlicher Verantwortung

Auch den Mitgliedern der Kirchen im Widerstand bewahren wir ein ehrendes Gedenken, weil auch sie mit Schutzhaft, Konzentrationslager und Hinrichtung bedroht und ermordet wurden.

Mutige Predigten, offizielle theologische Stellungnahmen und anklagende Hirtenbriefe, in denen man sich kritisch gegenüber dem Nationalsozialismus äußerte, sollten den Menschen die Augen öffnen. Der kirchliche Widerstand blieb bis zum Ende des Krieges bestehen, wobei er sich aber bewusst auf den kirchlichen Bereich beschränkte.

All diese mutigen Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens die Initiative ergriffen, die für einen Staat gekämpft haben, der Freiheit und Gerechtigkeit schützt und garantiert – die Widerstandskämpfer und -kämpferinnen – sollten auch meiner Generation als Vorbild dienen.


Heinrich Czerkus

Als erstes möchte ich die Teilnehmer des Heinrich-Czerkus-Gedächtnislaufs begrüßen, die heute die Strecke vom Stadion Rote Erde bis hierher zur Bittermark zurückgelegt haben.

Aber wer war Heinrich Czerkus überhaupt, dass jedes Jahr zu Karfreitag ein Gedächtnislauf zu seinen Ehren stattfindet? Und am Trainingsgelände des BVB in Brackel gibt es die Heinrich-Czerkus-Allee.

Heinrich Czerkus wurde am 27. Oktober 1894 in Münne, Westfalen, geboren. Seit 1920 war er Mitglied in der KPD und seit 1924 auch als Funktionär im Unterbezirk Dortmund. Im Jahre 1933 wurde er zum Vertreter der KPD in das Dortmunder Stadtparlament gewählt. Dieses Mandat konnte er aber nicht mehr ausüben, weil die Nazis an der Macht waren.

Besonders bekannt wurde er, weil er bis 1937 Zeugwart bei Borussia Dortmund war. Czerkus nutzte diese Position für den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Er fertigte und verteilte Flugblätter mit kommunistischen Parolen. Diese Flugblätter fertigte er teilweise mit der Vervielfältigungsmaschine des BVB an.

Heinrich Czerkus schaffte es lange, vor der Gestapo zu fliehen, und wurde erst 1945 bei einer Verhaftungswelle festgenommen. Er wurde daraufhin in das Auffanglager am Hörder Bergwerks- und Hüttenverein gebracht und später mit 300 anderen Widerstandkämpfern im Rombergpark oder der Bittermark ermordet. Heinrich Czerkus musste für seine politische Überzeugung und seinen Widerstand gegen die Nazis mit dem Leben bezahlen. Der Gedenklauf für Heinrich Czerkus findet jedes Jahr statt, damit diese beispielhaften Menschen, die damals ermordet wurden, nicht vergessen werden.


Die Gebrüder Mörchel

Die Gebrüder-Mörchel-Straße gibt es seit Beginn des Jahres im Stadtbezirk Brackel. Karl und Erich Mörchel, zwei Brüder im Widerstand gegen die Nazis, ein Schicksal. Karl Mörchel wurde 1903 in Ostpreußen geboren und arbeitete als Bergmann auf Dortmunder Zechen. Sein Bruder, Erich Mörchel, wurde 1908 in Dortmund geboren. Die beiden Brüder waren Kommunisten, die im Untergrund aktiv waren. Sie organisierten ihre kommunistischen Treffen an unauffälligen Orten, zum Beispiel in Gartenlauben, dort planten sie mehrere Sabotageaktionen.

Erich Mörchel wurde im Juni 1933 festgenommen. Im darauffolgenden Jahr wurde auch sein Bruder verhaftet. Beide wurden wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ verurteilt. In verschiedenen Zeitungsartikeln war später zu lesen, wie die Verhörten im Gestapohaus Hörde gefoltert wurden. Während des Verhörs wurden Erich Mörchel die Haare büschelweise herausgerissen.

Karl und Erich Mörchel kannten das Risiko, welchem Sie sich aussetzten, hielten es aber trotzdem für ihre Pflicht, für ihre Meinung zu kämpfen. Am 9. Februar 1945 wurden die Brüder zum zweiten Mal verhaftet. Welche Folterungen sie über sich ergehen lassen mussten, ist nicht genau bekannt. Die Brutalität der Gestapo lässt es erahnen.

Am Karfreitag desselben Jahres wurden die Brüder mit anderen Dortmunder Widerstandskämpfern und Zwangsarbeitern ermordet im Rombergpark aufgefunden. Frau Marschefski, die Tochter von Erich Mörchel, hält die Erinnerung an ihren Vater und ihren Onkel wach und kämpft seit Jahrzehnten dafür, dass die Taten des nationalsozialistischen Terrorregimes nicht in Vergessenheit geraten. Sie ist ehemalige Generalsekretärin des Internationalen Rombergpark-Komitees. Wir danken Ihnen für Ihr Engagement!


Zwangsarbeiter

Viele Menschen wurden während des Zweiten Weltkriegs als Arbeitskräfte zwangsweise nach Deutschland verschleppt, da sie den Arbeitskräftemangel in der deutschen Kriegswirtschaft beheben sollten. Neben diesen aus vielen europäischen Ländern verschleppten Zivilarbeitern wurden auch Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge zur Arbeit in der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft gezwungen.

1940 bildeten die ausländischen Zivilarbeiter die größte Zwangsarbeitergruppe, und im Herbst 1944 befanden sind bereits 5,7 Millionen ausländische Zwangsarbeiter aus fast allen europäischen Ländern in der deutschen Wirtschaft. Die Rekrutierung hat sich im Laufe des Kriegs immer weiter ausgedehnt, so dass insgesamt bis zu 12 Millionen Menschen als Arbeitskräfte ins Deutsche Reich gebracht wurden. Sie stammten aus 20 Nationen, darunter Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion, Polen, Frankreich, Belgien und den Niederlanden.

Allein in Dortmund wurden in der gesamten Kriegszeit schätzungsweise 80.000 Personen zur Arbeit gezwungen. Die Unterkünfte der Zwangsarbeiter waren auch in Dortmund miserabel und unhygienisch. Sie wohnten in mit Stacheldraht umzäunten Barackenlagern auf den Werksgeländen. Ingesamt existierten 300 Lager im Dortmunder Stadtgebiet und eine Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald. Arbeitskräfte, die für die westfälische Industrie vorgesehen waren, wurden zuerst in Durchgangslagern untergebracht, um von da aus weiterverteilt zu werden. Hier wurden sie registriert und fotografiert.

Die Lebensverhältnisse der polnischen und sowjetischen Zwangsarbeiter waren am schlechtesten. Häufig fehlte ihnen das Essen, und sie waren schon nach einigen Wochen völlig unterernährt und arbeitsunfähig. Sie besaßen kaum Kleidung, und die meisten mussten aufgrund fehlender Schuhe in schlecht sitzenden Holzpantinen oder barfuß arbeiten. Ihre Baracken waren kaum beheizt und die hygienischen Zustände so katastrophal, dass sich lebensbedrohliche Krankheiten wie Tuberkulose und Fleckfieber sofort in den Lagern ausbreiteten und es somit unzählige Todesfälle gab.

Es war sogar verboten, den Zwangsarbeitern Medikamente zu verabreichen. Anstatt an Tuberkulose Erkrankte zu isolieren, wurden sie mit Schlägen gezwungen ihrer Arbeit nachzugehen. Für Schwache und Kranke konnten bereits der Transport und die katastrophalen Lagerverhältnisse den Tod bedeuten. Jeder Erkrankte war für die Arbeitgeber „nur“ ein Produktionsausfall und ein Kostenfaktor. Sogar vorgesehene Gesundheitsuntersuchungen fanden teilweise erst gar nicht statt, und die tagelangen Transporte erfolgten oft in Viehwaggons und ohne hygienische Vorsorge und Verpflegung.

Es ist festzuhalten: Das Leben der Zwangsarbeiter war gekennzeichnet durch schwere Arbeit, überlange Arbeitszeiten, engstes Zusammenleben unter unhygienischen Bedingungen, schlechte, ungeeignete und kaum ersetzbare Kleidung und Wäsche, mangelhafte Heizung und einseitige, mangelhafte und unzureichende Ernährung.

Eine große Zahl von Zwangsarbeiterinnen und -arbeitern starb an den katastrophalen Bedingungen. So starb zum Beispiel ein Mädchen aus der Ukraine, weil ihre Lunge voller Zement war. Die Deutschen hatten Schutzmasken bekommen, nur die Ausländer nicht. Ein anderer Grund waren Mangelerscheinungen und Hunger. Die Zwangsarbeiter wurden oftmals ohne Frühstück zur Arbeit geschickt. Mittags und abends gab es dann wässrigen Eintopf, der hauptsächlich aus Spinat und Rüben bestand. Kartoffeln galten schon als Delikatesse.

Viele Arbeiter wurden aber auch auf ihrer Flucht erschossen. Im März 1942 hieß es in einem Befehl: „Auf flüchtige Russen ist zu schießen mit der festen Absicht zu treffen!“

Für die Deportierten, Gefangenen und Zwangsarbeiter kam der Tod in vielen Formen: Krankheit und Auszehrung, Arbeits- und Verkehrsunfall und als Kriegstod durch Bomben, weil ihnen der Zutritt zu Bunkern und Kellern verwehrt wurde. Andere aber starben auch durch direkte Gewaltakte der Nazis, wobei Morde oft als Exekution oder Hinrichtung bezeichnet wurden.

Am Rennweg in Wambel befindet sich ein Friedhof für 5.698 Opfer aus 14 verschiedenen Nationen. Ein weiterer Friedhof befindet sich hier in der Bittermark. In der Krypta des Mahnmals hinter mir wurde ein unbekanntes Opfer der Karfeitagsmorde bestattet – symbolhaft für alle Unbekannten, die den Mördern zum Opfer fielen.


Die weiße Rose

Die „Weiße Rose“ war eine Widerstandsgruppe gegen das NS-Regime, welche sich im Frühjahr 1942 im Umfeld der Münchner Universität bildete. Mitglieder und Unterstützer waren vorwiegend Studenten, später auch Professoren und andere Intellektuelle. Die Geschwister Hans und Sophie Scholl, die Medizinstudenten Christoph Probst, Willi Graf, Alexander Schmorell und Professor Kurt Huber waren die Hauptakteure der Widerstandsgemeinschaft.

Die Gruppe leistete Widerstand, indem sie insgesamt sechs Flugblätter verteilte und regimefeindliche Parolen an öffentlichen Plätzen anbrachte. Die Studenten vereinte eine bereits jahrelange innere Gegnerschaft zum NS-Regime. Die brutale Diktatur, der Antisemitismus und besonders der Vernichtungskrieg im Osten waren starke Motive für den Widerstand.

Die meisten Mitglieder der „Weißen Rose“ waren von einer starken christlichen Glaubensüberzeugung geprägt. Darüber hinaus verbindet sie ein großes Interesse an Literatur und Philosophie. Ein Auslöser für den aktiven Widerstand waren die Predigten des Münsteraner Bischofs Clemens August Graf von Galen. Bischof Galen hatte offen die Verfolgungen durch die Gestapo angegriffen und die „Euthanasie“ als Mord an behinderten Menschen angeprangert und Strafanzeige gestellt. Durch den Bischof ermutigt, planten die Münchner Studenten zunächst die Weiterverbreitung der Predigten, entschlossen sich dann aber, eigene Flugblätter zu verfassen.

Die ersten Flugblätter wurden 1942 hergestellt und waren eine Gemeinschaftsarbeit von Hans Scholl und Alexander Schmorell. Später beteiligten sich auch andere. Schnell erschienen weitere vier Flugblätter, ein letztes, sechstes Flugblatt im Frühjahr 1943. Jedoch waren die Studenten gezwungen, ihre Widerstandstätigkeit zu unterbrechen, weil etliche von ihnen an die Ostfront einberufen wurden. Auch dort leisteten sie passiven Widerstand.

Am 18. Februar 1943 machten Sophie und Hans Scholl sich mit dem sechsten und letzten Flugblatt in einem Koffer auf den Weg, um die Blätter zunächst in der Universität auf Treppenstufen und Fensterbänken zu verteilen. Der Hausmeister Jakob Schmied stellte sie dabei, verhaftete sie und übergab sie umgehend der Polizei. Hans Scholl hatte noch einen handschriftlichen Entwurf von Probst in der Tasche, den er nicht schnell genug beseitigen konnte. Christoph Probst, Vater von drei Kindern, wurde am nächsten Tag verhaftet.

Obwohl die Geschwister Scholl versuchten, die gesamte Schuld auf sich zu nehmen, wurden alle drei am 22. Februar 1943 zum Tode verurteilt und noch am gleichen Tag hingerichtet. Alexander Schmorell versuchte zu fliehen, wurde jedoch einige Tage später verhaftet und starb zusammen mit Kurt Huber am 13. Juli 1943. Willi Graf wurde am 12. Oktober 1943 hingerichtet.

Fast 80 weitere Mitglieder des Kreises, die zum Teil nur am Rande mitgearbeitet hatten, wurden verhaftet. Sie wurden hingerichtet oder starben im Gefängnis oder im KZ. Als Hans Scholl hingerichtet wurde, waren seine letzten Worte: „Es lebe die Freiheit!“


Gemeinsam Widerstand leisten

Sehr geehrte Damen und Herren,

das, was hier vor 66 Jahren geschah, ist eines der schrecklichsten und grausamsten Verbrechen, die in Dortmund zur Zeit der Nazi-Diktatur begangen wurden. Das Gedenken verpflichtet uns, aufmerksam und konsequent auf Hass und Diskriminierung zu reagieren.

Auf meiner Schule gibt es einige Mitschüler und Mitschülerinnen mit ausländischen Wurzeln, und das ist auch gut so. Denn es ist wichtig, dass viele verschiedene Kulturen aufeinander treffen, damit eine große Vielfalt herrscht und Immigranten nicht diskriminiert werden und nicht in Angst leben müssen.

Wir, die Schüler der Geschwister-Scholl-Gesamtschule, beteiligen uns an dem Projekt „Schule ohne Rassismus/Schule mit Courage“. Wir wollen gemeinsam ein Zeichen gegen Rassismus setzten. Wir wollen, dass Rassismus, Faschismus und Diskriminierung keine Zukunft haben.

Ich möchte, dass alle meine Mitschülerinnen und Mitschüler, egal aus welchen Ländern sie stammen und welche Nationalität sie haben, egal welche Glaubensrichtung sie vertreten, genau so zufrieden leben können wie ich.

Denn auch heute noch gibt es bei uns Menschen, die rassistische und faschistische Ideen und Gedanken haben.

Wenn wir zusammenhalten, wenn alle Menschen gemeinsam, egal ob jung oder alt, gegen Nazis Courage zeigen, dann schaffen wir das auch, dass alle meine Mitschülerinnen, egal woher sie kommen oder woher sie stammen, in Ruhe und in Frieden hier in Deutschland leben können. Das Gedenken an die Opfer der Nazi-Verbrechen ist ein Thema, das auch heute noch alle angeht. Wir müssen gemeinsam gegen die Nazis vorgehen!

Seit einigen Jahren gibt es immer größere Veranstaltungen gegen die Naziszene in Dortmund, weil sie hier in unserer Stadt ihre unsäglichen Aufmärsche veranstalten. Auch dieses Jahr am 3. September werden zahlreiche Aktionen und Veranstaltungen gegen Nazis in Dortmund stattfinden. Ich hoffe natürlich, dass zahlreiche Menschen, egal wie alt sie sind, an diesem Tag ein Zeichen gegen Rechts setzen.

Ich rufe dazu auf, dass wir alle gemeinsam den rechten Gruppierungen zeigen, dass sie hier unerwünscht sind, und dass wir alle Widerstand leisten!

„Ihr seid uns nicht vergessen!“

Die Rede von Ernst Söder, Vorsitzender des Fördervereins Steinwache / Internationales Rombergpark-Komitee

Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Jörder,
liebe Schülerinnen und Schüler der Geschwister-Scholl-Gesamtschule,
verehrte Anwesende und Freunde aus dem In- und Ausland!

Das Ende des Krieges war absehbar, die alliierten Truppen standen vor der Stadt. Doch die Henker der Nazidiktatur mordeten weiter. Fast 300 Widerstandskämpfer und Zwangsarbeiter aus sieben Nationen fielen einem letzten Blutrausch auf Dortmunder Boden zum Opfer. Dieses Verbrechen geschah vor 66 Jahren, im April 1945, in der Dortmunder Bittermark, im Rombergpark und am evangelischen Friedhof in Hörde.

Dort hatte man Leichen in Bombentrichtern gefunden. Die Nachricht darüber verbreitet sich schnell. Ein Landwirt hatte um Ostern herum an einigen Tagen frühmorgens Schüsse gehört. Als er nachsehen wollte, was das zu bedeuten habe, trat ihm ein SS-Mann entgegen, der ihm andeutete, dass neue Waffen ausprobiert würden und er sich wieder in sein Haus begeben solle.

Viele Menschen suchen in diesen Tagen einander. Der Sohn des Bergmanns Schwartz aus der Singerhoffstraße in Hombruch will seinen Vater finden, der bei der Gestapo in der Benninghofer Straße in Hörde inhaftiert war. Er hört von den Gerüchten. Er hört: „Bittermark, Rombergpark, Lastwagen, Schüsse, Hundegebell, verschüttete Bombentrichter“. Der junge Mann befürchtet, dass sein Vater von den Nazis ermordet worden ist. Er will Gewissheit und versucht, seinen Vater zu finden. Im Lehm eines zugeschütteten Bombentrichters beginnt er zu graben. Nach kurzer Zeit stößt er auf die Brust eines Menschen. Immer mehr Trichter werden danach geöffnet, immer mehr Tote geborgen. Sie sind erschossen,  verstümmelt und erschlagen worden.

Vor dieser erbarmungslosen und brutalen Mordmaschinerie wurden die Frauen und Männer im Keller der Gestapohölle in der Benninghofer Straße in Hörde zusammengepfercht. Viele Gefangene wurden noch vor dem Todestransport systematisch gefoltert, mit Stacheldraht und Bindedraht gefesselt und zu den Bombentrichtern in die Bittermark verschleppt. Gesetze der Moral und Menschlichkeit waren außer Kraft gesetzt, und die tödliche Angst vor der Zukunft trieb die faschistischen Tyrannen zu verzweifelten Taten gegen all diejenigen, von denen sie annahmen, sie würden sich an den braunen Gewaltherrschern rächen. Zwischen Trümmern und Mord arbeitete selbst in diesen Tagen noch ein pedantischer Büroapparat.

Zwölf Jahre hatte der Nationalsozialismus die größten Verbrechen begangen, die unsere Geschichte aufzuweisen hat. Im März und April 1945 fügte er ein letztes in Dortmund hinzu. Als Karfreitagsmorde gingen diese Verbrechen in die Geschichte ein, mit denen die Nazis noch kurz vor Kriegsende die Widerstandsbewegung zerschlagen wollten. Diese von einem zivilisierten Verhalten weit entfernte Barbarei der Gestapo war dennoch nicht nur eine Tat bloßer Willkür, sondern Ausdruck des Wesens des faschistischen Systems. Schriftliche Mordanweisungen der Reichsregierung waren dem Massaker vorausgegangen.

Sieben Jahre nach den Ostermorden begann im Jahre 1952 vor dem Dortmunder Schwurgericht der Prozess gegen die Täter dieses grausamen Verbrechens. Am 4. April 1952 erging das Urteil: Von den 28 Angeklagten wurden 15 freigesprochen! Einer der Beamten erhielt eine Zuchthausstrafe von 6 Jahren, die meisten der übrigen Verurteilten wurden mit durchschnittlich 6 Monaten Gefängnis bestraft, die durch die Untersuchungshaft meistens abgegolten war!

„Die Angeklagten hätten die Befehle ausgeführt“, so das Gericht wörtlich, „weil sie unter dem Militärstrafgesetz stehende Personen gewesen seien, denen zudem ein Notstand bei der Befehlsausübung zugebilligt werden müsse“. Die Richter des Landgerichtes vertraten die Auffassung, die Schuld an dem Verbrechen treffe allein den Vorgesetzten, der die Befehle zur Exekution gab. Dieser war jedoch bei dem Prozess nicht anwesend. Das Urteil mag ein Indiz dafür sein, dass in den fünfziger Jahren auch noch ehemalige Nazis in wichtigen Positionen des Landgerichtes beschäftigt waren und ihre Parteifreunde schonen wollten. Die braune Vergangenheit war längst nicht überwunden.

Heute sind wir hier am Mahnmal in der Bittermark zusammengekommen, um erneut an die grausamen Ereignisse zu erinnern und um der Opfer zu gedenken. Die Stadt Dortmund und die vielen antifaschistischen Organisationen haben in unserer Stadt eine „Kultur des Erinnerns“ geprägt, die  in diesem Ausmaße kaum anderswo zu finden ist. Und da möchte ich insbesondere auch die Arbeit in und mit der Steinwache einbeziehen, einer Mahn- und Gedenkstätte, die in besonderer Weise die Geschehnisse des Dortmunder Widerstandes repräsentiert und ein unvergleichbarer Ort der Erinnerung ist.

Ewiggestrige sind jedoch bestrebt, von den Ursachen des Faschismus und von dem unermesslichen Leid der Hitlerdiktatur und seiner Verbrechen in Deutschland abzulenken. Es gibt in unserem Land und anderswo in Europa neofaschistische Umtriebe, die nicht verharmlost und unbeobachtet bleiben dürfen. Wir müssen weiterhin, wie wir das insbesondere auch hier in Dortmund getan haben, uns gegen die Aufmärsche der Nazis wehren.

Staatliches Handeln gegen die Neonazis ist mehr als notwendig. Ihre Aufmärsche sind zu verbieten, ein neues Verbotsverfahren sollte auf den Weg gebracht werden. Es ist unerträglich, jedes Jahr von Neuem erleben zu müssen, dass  durch oberste Gerichtsentscheidungen die Verbotsverfügungen der Polizei und der Stadt verworfen werden und den Nazis erlaubt wird zu demonstrieren. Das kann auf Dauer so nicht bleiben. Nazis sind Verbrecher, denen wir uns in den Weg stellen müssen. Doch so lange die Regierenden in unserem Land sich mehr Sorgen um die Demonstrationsfreiheit für die Neonazis machen, als den Schutz der Bevölkerung und der Demokratie vor ihren Feinden zu garantieren, wird es nicht so leicht gelingen, eine Mehrheit für ein NPD-Verbot zu finden.

Vielleicht ist es das wichtigste Erbe der deutschen Geschichte, dass wir wissen, wozu Menschen fähig sind, die sich einer faschistischen Ideologie verschrieben haben, die ihren Gegnern die Menschenwürde nimmt. Unsere Vergangenheit können wir nicht mehr verändern oder gar bewältigen. Sie lastet auf vielen in unserer Gesellschaft. Gestalten können wir aber die Gegenwart und aus der Vergangenheit  für die Zukunft lernen.

Das Dortmunder Manifest „Von jung bis alt – gegen braune Gewalt“ ist beispielsweise eine jüngste Initiative gegen rechten Populismus und Demagogie, Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in Dortmund. Zu diesem Manifest haben sich viele Dortmunder Bürger, der Rat der Stadt und insbesondere auch junge Menschen bekannt. Ein junger Mann schreibt als Bekenntnis zu dem Manifest: „Ich habe nichts gegen freie Meinungsäußerung, aber Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!“

Und zwei weitere Beispiele möchte ich nennen, die uns Mut machen und aufzeigen, was man tun kann. Die Aktion „90 Minuten gegen rechts“, mit denen die DGB-Jugend Schüler über faschistische Umtriebe aufklärt, verzeichnet einen Nachfragezuwachs. Die Gewerkschaftsjugend bietet Workshops zu den Themen rechte Symbole, Musik, Parteien, Argumente und rechte Szene an. Hier werden junge Menschen angesprochen, die wiederum eigene Fragen und Antworten erarbeiten.

Und eine andere Initiative von Jugendlichen, die gemeinsam in Auschwitz waren, möchte ich nicht unerwähnt lassen:  „Botschafter der Erinnerung“, eine Weiterentwicklung der Dortmunder Erinnerungsarbeit, durchgeführt vom Jugendring Dortmund in Zusammenarbeit mit anderen Vereinigungen und Unterstützung des Dortmunder Oberbürgermeisters, ist ein herausragendes Beispiel, wie man sich mit der NS-Vergangenheit auseinandersetzen kann. Und auch den Schülerinnen und Schülern der Geschwister-Scholl-Gesamtschule möchte ich meinen Respekt bekunden, dass sie heute die Gedenkveranstaltung mitgestalten werden und sich mit den Ereignissen 1945 auseinandergesetzt haben.

Auszüge aus dem Mahnruf der toten Frauen von Ravensbrück, geschrieben von Auguste Lazar, möchte ich zum Abschluss meiner Ausführungen zitieren:

„Schwestern, vergesst uns nicht,
vergesst nicht die Toten von Ravensbrück!
Wenn ihr uns vergesst, war unser Sterben umsonst,
umsonst die Tränen, die wir geweint,
umsonst die Qualen, die wir gelitten,
umsonst der Schweiß, der von uns geflossen,
in tiefer Erniedrigung, schrecklicher Angst,
das Grauen, der Tod.
Wenn ihr uns vergesst, war unser Sterben umsonst.“

Wir vergessen die Toten nicht. Wir gedenken der Opfer, und wir erinnern an sie. Wir rufen ihnen zu: „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg! Ihr seid uns nicht vergessen!“

Vor uns liegt ein langer Weg. Ich hoffe und wünsche mir: ein Weg des Friedens, der Toleranz und der freundschaftlichen Verständigung unter den Menschen.