Geschichte bleibt Teil der Gegenwart

Grußwort der Bürgermeisterin Birgit Jörder  

Sehr geehrter Herr Söder,
liebe Schülerinnen und Schüler der Geschwister-Scholl-Gesamtschule,
verehrte Gäste aus dem In- und Ausland,
liebe Dortmunderinnen und Dortmunder,

in guter Tradition versammeln wir uns jedes Jahr am Karfreitag hier am Mahnmal in der Bittermark. Wir gedenken der Menschen, die noch in den allerletzten Kriegstagen durch nationalsozialistische Mordgesellen an diesem Ort umgebracht wurden. Fast 300 Frauen und Männer – Widerstandskämpfer, Kriegsgefangene, Verschleppte – Menschen aus Belgien, Frankreich, Jugoslawien, den Niederlanden, Polen, Russland und Deutschland – ihre genaue Zahl kennen wir nicht, von vielen nicht einmal den Namen.

Nur wenige Tage vor dem Einmarsch amerikanischer Truppen wurden sie aus dem Hörder Gestapo-Keller hierher verschleppt, ermordet und in Bombentrichtern verscharrt. Eilig machten sich ihre Mörder anschließend aus dem Staub. Die Brutalität und Sinnlosigkeit dieser Mordaktion in den letzten Stunden eines schon verlorenen Krieges erschüttert jedes Mal aufs neue. Soweit die Knechte des Terrors später vor Gericht gestellt wurden, beriefen sie sich auf Befehl und schuldigen Gehorsam. Man fragt sich noch heute, wie tief ein Mensch gesunken sein muss, um solchen Befehlen zu gehorchen.

Karfreitag ist der Tag der Trauer und Klage. Trauer und Klage schulden wir den Opfern, die hier ihr Leben ließen. Ich denke besonders an die vielen jungen Menschen, mit deren Tod an diesem Ort auch ihre Wünsche, Hoffnungen und Begabungen ins Grab sanken. Ich denke an ihre Angehörigen, die mit Ungewissheit, Schmerz und manch‘ bleibender seelischer Verletzung fertig werden mussten. Der Nationalsozialismus hatte nicht nur Europas Städte in Trümmer gelegt, er hatte auch in Kopf und Herz vieler Menschen schlimme Verheerungen angerichtet.

Wir Dortmunder stellen uns diesem finsteren Teil unserer Geschichte, mit Scham und mit Trauer, aber auch mit dem festen Willen, unseren Beitrag zu leisten, damit sich ein solches Grauen nicht wiederholen kann. Die Verbrechen vergangener Tage können wir nicht ungeschehen machen. Aber wir können und müssen die Verantwortung dafür übernehmen, dass sie nicht vergessen werden. Dass wir Lehren für den Schutz unseres Gemeinwesens daraus ziehen, besonders dann, wenn aufgeheizter Rassismus und Nationalismus ihre dumpfen Parolen grölen.

Nach dem zweiten Weltkrieg haben wir den Weg zu einem rechtsstaatlichen Gemeinwesen in einer Wertegemeinschaft freier Völker beschritten. Das war nur möglich, weil uns die Gegner von damals die Hand zur Versöhnung gereicht haben. Menschen, die jahrelang unter Terror und Gewaltherrschaft der deutschen Aggression gelitten hatten, waren bereit, die Zukunft Europas gemeinsam mit uns zu gestalten. Das allein erlegt uns schon die Verpflichtung zu einer Kultur verantwortungsvoller Erinnerung auf. Entschlossen treten auch wir  Dortmunder jedem Versuch entgegen, das schlimmste Kapitel deutscher Geschichte vergessen, verharmlosen oder relativieren zu wollen.

Das Mahnmal in der Bittermark wirkte bald nach seiner Errichtung über die Grenzen unseres Landes hinaus. Wir haben es dankbar als eine Geste der Verständigung empfunden, dass schon früh ehemalige Kriegsgefangene und Deportierte zu den jährlichen Gedenkstunden nach hier kamen und immer noch kommen. Ihnen möchten wir Erinnerung in Würde ermöglichen und mit ihnen gemeinsam das Gedenken an die Toten teilen.

Eine wichtige Rolle spielen dabei unsere französischen Freunde. Leider konnte niemand von ihnen dieses Jahr nach Dortmund kommen. Das fortschreitende Alter fordert da leider seinen Tribut. Besonders vermissen wir in diesem Jahr den Ehrenpräsidenten der Französischen Vereinigung der Arbeitsdeportierten, Herrn Jean-Louis Forest. Im Alter von 89 Jahren starb er Weihnachten vergangenen Jahres.

Als ehemaliger Arbeitsdeportierter setzte er sich schon früh für eine deutsch-französische Verständigung und Versöhnung ein. Nach ersten Kontakten 1956 wurde er zur treibenden Kraft für eine Beteiligung und Mitwirkung seines Landes an diesem Mahnmal. Mit auf seine Initiative hin übernahmen der französische Staat und die Vereinigung der Arbeitsdeportierten die Kosten für die Ausgestaltung der Krypta durch einen französischen Künstler.

Am Karfreitag 1958 war es dann soweit. Unter großer deutsch-französischer Anteilnahme wurde ein unbekanntes französisches Opfer des finalen Nazi-Terrors in der noch unfertigen Krypta zur letzten Ruhe gebettet. Anschließend übernahm Jean Louis Forest den Schlüssel zur Krypta als symbolischer Hüter dieses Ortes, der für ihn ausdrücklich immer ein Ort der Trauer und des Erinnerns für die Opfer aller Nationalitäten sein sollte. Heute ist die Krypta mit ausdrücklicher deutscher Zustimmung eine französische Enklave, also ein exterritoriales Stück Frankreich auf Dortmunder Boden. Das ist ein ganz besonderes Symbol für unsere Versöhnung und Freundschaft, nimmt uns zugleich aber auch in besondere Verantwortung.

Jean-Louis Forest hat sich um die französisch-deutsche Verständigung und Freundschaft in dieser Region hohe Verdienste erworben. Sein Leben ist beispielhaft für das Wirken vieler  Europäer, die als geschundene Opfer deutscher Aggression nach Kriegsende weitsichtig über Hass, Verletzung und Schmerz hinaus in die Zukunft dachten. Ohne Menschen wie ihn wäre das Haus Europa nie gebaut worden. Die Stadt Dortmund sieht in ihm einen besonderen Freund und ehrte ihn 1980 als ersten Ausländer mit dem Ehrenring der Stadt. Bis ins hohe Alter war er regelmäßiger Teilnehmer unserer jährlichen Gedenkveranstaltung. Jeder, der ihm bei dieser Gelegenheit begegnete, konnte spüren, wie wichtig ihm dieses gemeinsame Erinnern war. Ich erinnere an seine Worte zum 20. Jahrestag der Einweihung unseres Mahnmals:

„Dieser Jahrestag ist ein Zeichen des gemeinsamen Willens der Französischen Vereinigung der Arbeitsdeportierten und der Stadt Dortmund, in Ehrfurcht unseren toten Brüdern verbunden zu bleiben und stets wachsam zu sein, damit sich solche Gräuel nicht wieder ereignen.“

Sich erinnern und wachsam sein. Ein Plädoyer für Verantwortung und gegen Vergessen. Weitsichtige Verständigung und großmütige Versöhnung haben nach dem zweiten Weltkrieg den Weg zu einer Epoche der Vernunft geebnet. Vernunft, die Lehren aus der Vergangenheit zieht; Vernunft, die auf die Herrschaft des Rechts baut; Vernunft, die den Menschen als Mitmenschen achtet, dem man mit Respekt und Toleranz zu begegnen hat.

Geprägt war dieser Weg durch die persönliche schmerzliche Erfahrung der Zeitzeugen des nationalsozialistischen Terrors. Aber diese Zeitzeugen werden immer weniger. Umso wichtiger ist es, dass jüngere Generationen die Fackel der Erinnerung übernehmen und in die Zukunft weitertragen. Ich freue mich deshalb sehr, dass auch dieses Jahr wie schon in der Vergangenheit junge Dortmunderinnen und Dortmunder sich an dieser Feier beteiligen. Schülerinnen der Geschwister-Scholl-Gesamtschule und der Jugendchor „Teenclouds“ des MGV Brackel tragen zum würdigen Rahmen dieser Feierstunde bei, wofür ich ihnen sehr herzlich danken möchte. Junge Mitbürgerinnen und Mitbürger setzen damit für ihre Generation ein Zeichen.

Der dunkelste Teil unserer Geschichte darf nicht im Dunkel des Vergessens verschwinden. Das sind wir nicht nur den Opfern schuldig. Das sind wir uns selbst und unseren Nachfahren schuldig. Nur eine wache, verantwortungsvolle Auseinandersetzung mit unserer Geschichte schärft unsere Sinne für die allgegenwärtige Gefahr von Unrecht und sittlicher Barbarei. Der amerikanische Schriftsteller William Faulkner sagte einmal sehr treffend: „Geschichte ist nicht gewesen, Geschichte ist.“ In der Tat kann es für diese wie künftige Generationen keine Entwurzelung aus der Geschichte geben! Geschichte bleibt Voraussetzung und damit Teil der Gegenwart.

Die Lehren der Vergangenheit beherzigen und sie aktiv in die Gestaltung von Gegenwart und Zukunft einzubringen, das bleibt ständige Aufgabe. Intoleranz und Rassenwahn, die Arroganz des Besserwissens und Besserseins, die Verachtung des Andersdenkenden und Andersbetenden – all das war einst der Nährboden für die Verbrechen, deren Opfer wir hier betrauern.

Und leider muss man sagen: Die Gesinnung rassistischer und kultureller Überheblichkeit begegnet uns auch heute noch viel zu oft. Umso wichtiger ist es, dass dem schon die junge Generation das deutliche Zeichen entgegensetzt: Nicht mit uns! Waches Bewusstsein und bürgerschaftliches Engagement, ethisch begründetes Denken und Handeln, Respekt füreinander und Solidarität miteinander – das schützt und festigt unsere demokratische und rechtsstaatliche Ordnung und lässt dem Ungeist der Vergangenheit keine Chance. Das schulden wir denen, die wir hier betrauern.

Meine Damen und Herren, mit dem Mahnmal Bittermark haben wir in internationaler Zusammenarbeit eine würdige und bewegende Erinnerungsstätte geschaffen. Die Mahnung, die von hier ausgeht, hat nichts von ihrer Dringlichkeit verloren: Haltet die Erinnerung an die hier ermordeten Menschen wach, damit sich solche Verbrechen niemals wiederholen.

Erinnerung an Jonas Bleiberg

Beiträge der Jugendgruppe der SJD Die Falken Brackel auf dem Internationalen Friedhof


Erinnerung an Jonas Bleiberg aus Dortmund

Jonas Bleiberg, geboren in Polen im Jahre 1902, kam Anfang der 1930er Jahre nach Dortmund und wohnte dort zwischen Heiligegartenstraße und Leopoldstraße.

1938 wurden viele jüdische Polen in einem Transport an die deutsch-polnische Grenze gefahren. Leider wollten die Polen ihre Landsleute auch nicht haben, so dass Jonas einige Zeit im Niemandsland lebte. Jonas Bleiberg schlug sich aber wieder nach Dortmund durch. Wann er genau wieder in Dortmund war, können wir zur Zeit noch nicht sagen.

Jonas war Mitglied einer verbotenen Organisation, einer kommunistischen Organisation. Dies ist nur aufgefallen, weil er bei einer Hauskassierung beobachtet und anschließend denunziert wurde. Im doppelten Deckel seiner Taschenuhr wurden entsprechende Mitgliedsmarken gefunden.

Danach wurde Jonas Bleiberg von Dortmund zunächst in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht. Anschließend war er noch in Buchenwald, wo er nach offiziellen Angaben am 16. März 1942 starb. Ob Jonas Bleiberg eines natürlichen Todes gestorben ist oder ob er ermordet wurde, ist noch nicht abschließend geklärt. Diesbezüglich werden wir in nächster Zeit mit dem Archiv in Buchenwald Kontakt aufnehmen.

Ob Jonas Bleiberg in Buchenwald oder woanders verbrannt wurde, ist auch noch nicht ganz klar. Wahrscheinlich aber in Weimar, da es im Jahre 1942 noch kein eigenes Krematorium im Lager Buchenwald gab. Die Urne mit Jonas Bleiberg wurde dann nach Dortmund überstellt, so dass er am 12. Juni 1942 beigesetzt werden konnte. Laut Angaben der Friedhofsverwaltung Dortmund wurde die Urne im September 1962 noch einmal umgesetzt, auf das Feld, wo sie sich heute noch befindet.

Wir, die Teens-Gruppe der Falken Brackel, sind durch einen Mitarbeiter des Internationalen Bildungs- und Begegnungswerks Dortmund auf Jonas Bleiberg aufmerksam gemacht worden. Er traf sich mit uns und erzählte uns einiges über Jonas Bleiberg und eine noch lebende Verwandte in Amsterdam. Mittlerweile haben wir ihr Fotos gemailt: Wie wir die Grabanlage vorgefunden haben und wie sie jetzt aussieht, nachdem wir sie mit ihrer Zustimmung gereinigt haben. Wir werden versuchen, viele Fragen, die wir haben, mit ihr zu erörtern, und wünschen uns, sie vielleicht einmal in Amsterdam besuchen zu können.


Das Ärgernis
von Erich Fried

Wendet euch nicht ab,
sondern schaut,
Ihr braven Bürger,
den jungen Neonazis,
die in eurer Stadt von neuem den Glauben
an den alten Irrsinn gelernt haben,
tief in die Augen.
Ihr schaut nicht genau genug hin,
wenn Ihr in diesen blauen oder braunen oder auch grauen Augen
nicht einen Augenblick lang euer eigenes Spiegelbild seht!


Als sie die Anderen holten
nach Martin Niemöller, evangelischer Theologe (1892-1944);
moderne Fassung der Droste-Hülshoff-Realschule aus dem Jahr 2009

Niemöller schrieb:

„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.“

Als die Neonazis in der Straßenbahn Ausländer anpöbelten, habe ich weggeschaut; ich war ja kein Ausländer.

„Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.“

Als die Neonazis Behinderten den Eintritt in die Disco verweigerten, habe ich nicht protestiert; ich war ja nicht behindert.

„Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich nicht protestiert; ich war je kein Gewerkschafter.“

Als die Neonazis jüdische Mahnmale schändeten, habe ich mich nicht eingemischt; ich war ja kein Jude.

„Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

Als wir zu der Gedenkveranstaltung auf dem Ehrenfriedhof eingeladen wurden, haben wir spontan zugesagt, denn wir müssen gemeinsam, Jung und Alt, gegen Rechtsextremismus und Neonazis sein.

„Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit“

Die Rede von Ulrich Sander am  Karfreitag 2011 auf dem Internationalen Friedhof in Dortmund-Brackel

Elie Wiesel hat gesagt – und ich fand es auf einem Gedenkstein für Naziopfer in Minden: „Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit.“ Wir stehen hier vor der Informationstafel, die Auskunft gibt über das Schicksal derer, die hier begraben sind. 6.000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, zumeist aus Osteuropa, ließen im Krieg hier in Dortmund ihr Leben. Wer von den Dortmundern ihnen half – und das taten zum Glück einige – wurde hart bestraft. Doch die meisten halfen nicht. Sie hassten auch nicht. Sie waren gleichgültig.

Sie hatten nichts dagegen, dass die Zwangsarbeiter nicht in die Luftschutzkeller durften. Hauptsache sie selbst hatten Platz. Und so starben Tausende. Und viele Dortmunder wissen es heute gar nicht. Die ausgezeichnete Gedenkkultur in unserer Stadt, auch die Gedenkstätte Steinwache, bietet wenige Informationen über die Lage der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Es wird auch ausgespart, welche verbrecherische Rolle die Ruhrindustrie im Umgang mit diesen Menschen spielte. Als wir eine Mahntafel wie diese am Eingang des Stahlwerks am ehemaligen Emschertor in Hörde vorschlugen, dort wo die Reste eines „Arbeitserziehungslagers“ der Vereinigten Stahlwerke standen, die nun im Phönixsee versinken, da sagten uns die Stadtoberen diese Tafel zu. Doch der See entsteht, und die Tafel ist nicht in Sicht.

„Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit.“ Dieser Satz aus der Feder des Schriftstellers und Überlebenden von Auschwitz und Buchenwald kam mir in den Sinn, als ich in der BILD-Zeitung las: „Wir wollen ein deutliches Signal nach Osteuropa senden, um den weiteren Zuzug von Bulgaren und Roma zu verhindern. Dazu müssen wir die Haupteinnahmequelle trockenlegen.“ BILD schrieb den Spruch dem Sprecher einer Volkspartei zu. Osteuropäer und Roma, die einst millionenfach hierher gebracht wurden, die eine Haupteinnahmequelle des deutschen Kapitals wurden, um dann per Vernichtung durch Arbeit beseitigt zu werden, sie sind heute im freien grenzenlosen Europa nicht mehr willkommen? Als Torschützen für Borussia vielleicht, aber nicht als arme Leute. Wie kann man so über die Roma sprechen, die gleich den Juden dem Holocaust ausgeliefert waren?

Gestern wurde entschieden, den Rassisten Sarrazin in der SPD zu belassen. Die Begründung, die ein prominenter Kommunalpolitiker dazu gab, war diese: „Wir müssen die Ängste der Bevölkerung berücksichtigen.“ Zur Bevölkerung zählt er nur die Deutschen. Die Ängste der Nichtdeutschen, die Sarrazin auslöste, die sind den Leuten egal?

Ist es uns wirklich egal, wie es den anderen geht? Wer nicht unter Hartz IV fällt, geht nicht zur Montagsdemo. Wem keine Bomben auf den Kopf fallen, dem sind die deutschen und die NATO-Kriege in aller Welt egal?  Wir produzieren Waffen für den Rüstungsexport, es geht ja um unsere Arbeitsplätze. Bei anderen geht es um ihr Leben.

Ich möchte schließen mit einem anderen Ausspruch von Elie Wiesel: „Man muss Partei ergreifen. Neutralität hilft dem Unterdrücker, niemals dem Opfer. Stillschweigen bestärkt den Peiniger, niemals dem Gepeinigten.“ Schweigen wir nicht! Ergreifen wir Partei für die Flüchtlinge von Lampedusa, aber auch bei uns! Wir müssen uns auch immer wieder das Wort der Geschwister Scholl in Erinnerung rufen: „Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den Ihr um euer Herz gelegt! Entscheidet euch!“

Rechtsentwicklung in Europa

Zusammenfassung des Vortrages von Dr. Ulrich Schneider, Generalsekretär der FIR, auf der Vollsitzung des Fördervereins Gedenkstätte Steinwache/Internationales Rombergparkkomitee am Gründonnerstag, dem 21. April 2011, in Dortmund

1. Die politische Situation in Europa wird durch eine zunehmende Rechtsentwicklung geprägt. Ausdruck davon sind Wahlergebnisse offen rassistischer und faschistischer Parteien in Europa und eine ideologische Offensive der Rechtskräfte, die mit einer Totalitarismus-Doktrin das historische Gedächtnis verändern und neue geschichtspolitische Orientierungspunkte setzen wollen.

In verschiedenen baltischen Republiken erleben wir die Umdeutung der faschistischen Kollaboration in „Freiheitskampf“. Insbesondere in Lettland und Estland können SS-verherrlichende Verbände ungehindert bzw. mit gerichtlicher Erlaubnis ihre Aufmärsche durchführen. In der West-Ukraine gilt Stepan Bandera, der Führer der Organisation Ukrainischer Nationalisten, die mit der faschistischen Wehrmacht kollaborierten und an Massenverbrechen in Lwow/Lemberg beteiligt waren, als „Nationalheld“.

2. Bei nationalen Parlamentswahlen in Ungarn (FIDESZ und JOBBIK – der gewalttätige Arm), Belgien (nicht mehr Vlaams Belang, dafür Flämische Nationalisten), Schweden (Schweden-Demokraten mit Verbindung zu gewalttätigen Rassisten) und den Niederlanden (Geert Wilders) verzeichneten rechtspopulistische und neofaschistische Parteien erschreckende Zuwächse. Solche Erfolge werden von rechten Gruppierungen und Parteien in anderen Ländern Europas analysiert, aufgenommen und modifiziert.

Die neue Attraktivität einer Marine Le Pen (Front National) zeigt, dass moderater Faschismus ähnlich wie in Italien (Fini – Alleanza nazionale) eine hohe Akzeptanz im gesellschaftlichen Mainstream besitzt. Welche gesellschaftliche Wirkung Rechtspopulismus und insbesondere Antiislamismus entfalten kann, sehen wir an dem Abstimmungsverhalten in der Schweiz (SVP-Blocher, Minarett-Verbot, Waffenbesitz etc.)

Es gibt Bestrebungen zur Vernetzung von rechtspopulistischen und neofaschistischen Strukturen auf europäischer Ebene (Dresden-Teilnahme/“Tag der Ehre“ in Budapest). Sie werden durch den jeweiligen Nationalismus bzw. Rassismus begrenzt. (Rumänien und Italien/Italien und Südtirol/Haltung zu Israel etc.)

3. In dieser gesellschaftlichen Situation versuchen die politisch hegemonialen Rechtskräfte in Europa, z.B. die Europäische Volkspartei (ihr gehören aus Deutschland die CDU und CSU an), zusammen mit nationalistischen Kräften in mittel- und osteuropäischen Staaten, durch die Etablierung neuer Gedenktage wie dem 23. August als „Gedenktag gegen Totalitarismus“, die in den 80er Jahren zurückgedrängte Totalitarismus-Doktrin zu reaktivieren. Nicht die Erinnerung an den faschistischen Terror und den antifaschistischen Widerstand, sondern die Gleichsetzung von Faschismus und sozialistischen Herrschaftsformen soll das Geschichtsbild Europas prägen.

Damit wird der europäische geschichtspolitische Konsens der 90er Jahre nach rechts verschoben. Beispiele auf der Ebene des Staatshandelns: Polen, Ungarn, Tschechische Republik – Strafbarkeit des Zeigens „kommunistischer Symbole“; Ungarn – Gesetz gegen Auschwitzleugnung durch „Verbot der Leugnung der kommunistischen Verbrechen“ ergänzt; Kroatien – neues Gesetz über den Schutz der Gräber der „kommunistischen Gewaltherrschaft“; Bulgarien – Verleugnung der Geschichte der monarcho-faschistischen Herrschaft.

4. Gegen solche geschichtspolitischen Vorstöße können wir nicht alleine erfolgreich sein. Dazu benötigen wir Partner in unserem Land und als antifaschistische Organisationen mit lange bestehenden internationalen Kontakten Mitstreiter in ganz Europa, die sich ebenfalls aktiv in solche Auseinandersetzungen einbringen.

Unser Ziel muss es sein, offensiv gegen die Versuche einer Etablierung der Totalitarismus-Doktrin als erkenntnisleitende These der Geschichtssicht vorzugehen. Dazu sollten wir, auch gegen den ideologischen Mainstream, die Erklärung des Europäischen Parlaments zum Schutz der Gedenkstätten und gegen die Vermischung der KZ-Geschichte mit jeglichen Formen der Nachnutzung vom 11. Februar 1993 verteidigen.

In der praktischen Geschichtspolitik auf internationaler Ebene sollten wir die Initiativen der FIR und deren Projekte unterstützen, unter anderem das Ausstellungsprojekt der FIR im Herbst 2011 zum Europäischen Widerstand und das geplante Internationale Jugendtreffen der FIR im Mai 2012 in Auschwitz.

Einladung zum Karfreitag 2011 in der Bittermark

Die Stadt Dortmund veranstaltet am Karfreitag, dem 22. April 2011, um 15 Uhr am Mahnmal in der Dortmunder Bittermark die alljährliche Gedenkfeier für die Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft.

Es sprechen Bürgermeisterin Birgit Jörder, Ernst Söder vom Förderverein Gedenkstätte Steinwache/Internationales Rombergpark-Komitee e.V. sowie die Schülerinnen und Schüler der Geschwister-Scholl-Gesamtschule Nathalie Beier, Luca Fröhlich, Janina Herwig, Alina Müller, Ebru Öztürk, Nicole Santehanser, Jana Seifert, Annika Wessing und Kimberly Zolper. Musikalische Darbietungen gibt es von den Posaunenchören aus Dortmund und dem „Teenclouds“-Jugendchor des MGV Brackel; die Moderation übernimmt Klaus Lenser.

Aufruf des DGB Dortmund-Hellweg
In der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft kämpften Menschen vieler Nationen für die Zerschlagung des Faschismus, für eine Welt ohne Faschismus und Krieg, für Völkerverständigung und Demokratie. Zwischen dem 7. März und dem 12. April 1945 ermordeten Gestapo und SS im Rombergpark, in der Bittermark und in Hörde etwa 300 politische Gefangene und Widerstandskämpfer aus sieben Ländern – Deutsche, Polen, Sowjetbürger, Jugoslawen, Belgier, Holländer und Franzosen – auf heimtückische und bestialische Weise.

Heute, 66 Jahre nach der Befreiung vom Faschismus, gedenken wir jener Männer und Frauen, die geschunden und ermordet wurden. Wir wollen und können nicht akzeptieren, dass Rassenhetze und Faschismus-Verherrlichung in unserem Land wieder um sich greifen. Neofaschistische Umtriebe und Überfälle können nicht verharmlost werden. Rechtsextremismus und Gewalt müssen bekämpft werden! Wer sie toleriert, akzeptiert Terror, Gewalt und Kriegshetze! Wir werden auch weiterhin aus unserer Geschichte lernen und entschlossen handeln. Weil wir wissen und andernorts erleben, dass Krieg den Menschen tiefes Unglück und Leid zufügt, treten wir für Abrüstung und Völkerverständigung ein.

Mit der Feierstunde in der Bittermark gedenken wir nicht nur der im Frühjahr 1945 ermordeten politischen Gefangenen, sondern wir bekunden damit auch unseren Widerstand gegen die in unserem Land immer offener und aggressiver auftretenden Neo-Nazis. Lasst uns mit unserer Teilnahme an der Gedenkfeier in der Bittermark den Neo-Nazis ein deutliches „Nie wieder!“entgegensetzen!

Förderverein Steinwache und Internationales Rombergpark-Komitee vereint

„Über das Wesen und die Ursachen des Faschismus aufklären“

Das im Jahre 1960 von überlebenden Antifaschisten und den Angehörigen ermordeter Nazigegner gegründete Internationale Rombergpark-Komitee und der Förderverein Steinwache haben am Samstag, dem 19. Februar 2011, ihr Zusammengehen beschlossen. Der neue Verein „Förderverein Steinwache / Internationales Rombergpark-Komitee e.V.“ hat sich eine neue Satzung gegeben und einen gemeinsamen Vorstand gewählt.

Der zum Vorsitzenden gewählte Gewerkschaftssekretär i. R. Ernst Söder erklärte: „Auch künftig wollen wir die Arbeit der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache unterstützen und die Ausstellung ‚Widerstand und Verfolgung in Dortmund 1933-1945’ begleiten. Darüber hinaus werden wir die jährlich stattfindenden Gedenkveranstaltungen in der Bittermark mitgestalten und dazu auch wie bisher internationale Gäste zu einem gemeinsamen Programm nach Dortmund einladen. Nach wie vor erscheint es uns wichtig, die heutige und nachfolgende Generation über das Wesen und die Ursachen des Hitlerfaschismus und die begangenen Verbrechen sowie den antifaschistischen Widerstand aufzuklären. Dies umso mehr, wenn Neonazis immer wieder versuchen, die Verbrechen des Faschismus zu leugnen.“

Dem Vorstand gehören neben Aktivisten aus SPD, DKP und der Linken solche aus der VVN-BdA, den Jugendverbänden, der AWO, den Gewerkschaften, der Auslandsgesellschaft, Künstler und Publizisten sowie Zeitzeugen an, die als Kinder Krieg und Faschismus erlitten haben.

Die bisherigen ausländischen Mitglieder des IRPK-Vorstandes wurden zu Ehrenmitgliedern ernannt, unter ihnen Widerstandskämpfer/innen, KZ-Opfer und ehemalige Zwangsarbeiter/innen aus den Niederlanden, aus Frankreich, Polen, der Ukraine und Russland. Besonderer Dank wurde der Präsidentin des Internationalen Rombergparkkomitees Celine van der Hoek-de Vries und der Generalsekretärin Gisa Marschefski ausgesprochen; sie wurden zu Ehrenvorsitzenden der neuen Vereinigung gewählt.

Der Kontakt mit antifaschistischen Initiativen an Orten der Erinnerung an Kriegsendverbrechen soll erhalten und ausgebaut werden. Die neue Vereinigung führt die Mitgliedschaft des IRPK in der Föderation des internationalen Widerstandes (FIR) fort. Der Generalsekretär der FIR Dr. Ulrich Schneider wird auf der ersten öffentlichen Veranstaltung am 21. April 2011 in der Gedenkstätte Steinwache in Dortmund das Eröffnungsreferat zum Thema „Die Entwicklung nach rechts in Europa“ halten.

Auf dem Foto: Markus Günnewig, Karl-Heinz Gerhold, Werner Groß, Michaela Pawlak, Adelheid Sroka, Günter Bennhardt, Ingrid Krämer-Knorr, Andreas Roshol, Ernst Söder, Michael Hermes, Marc Frese, Norbert Schilff, Ulrich Sander, Isa Nigge, Georg Deventer, Walter Liggesmeyer, Gisa Marschefski, Doris Borowski, Renate Büker,  Alice Czyborra. Nicht auf dem Foto: Martina Plum und Agnes Vedder.

Präsident der FIR Michel Vanderborght verstorben

Von Dr. Ulrich Schneider (Generalsekretär) für den Exekutivausschuss der FIR

Mit tiefer Trauer müssen wir den Tod des Präsidenten der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer FIR – Bund der Antifaschisten, Michel Vanderborght, vermelden.

Am 12. September 2010 verstarb er im Alter von 85 Jahren. Schon als Jugendlicher schloss er sich dem Widerstand an und kämpfte aktiv in der Partisanen-Armee in der Region Leuven (Louvain). Die Partisanenarmee leistete einen wichtigen Beitrag zur Befreiung des Landes von der faschistischen Okkupation.

Nach der Befreiung Belgiens wurde Michel Vanderborght aktiv in der kommunistischen Jugendorganisation Belgiens und war der belgische Vertreter im Weltbund demokratischer Jugend (WBDJ). Seit 1947 nahm er an allen „Weltfestspielen der Jugend und Studenten“ als Delegierter und später als Gast teil.

In den 50er und 60er Jahren arbeitete er für die Kommunistische Partei Belgiens und unterstützte die antikoloniale demokratische MNC (Mouvement National Congolais) von Patrice Lumumba. Im Rahmen dieser internationalen Kontakte kam er auch mit Fidel Castro und anderen Repräsentanten der antikolonialen Befreiungsbewegungen zusammen.

1960 organisierte er in Belgien den ersten Marsch gegen Atomraketen zum Stationierungsort amerikanischer Atomwaffen. Seit dieser Zeit war Michel Vanderborght aktiv in der belgischen Friedensbewegung. Er war Vorsitzender der Gruppe „Vrede“ und Herausgeber der gleichnamigen Zeitschrift. Überregional und in seinem Umfeld organisierte er verschiedene Friedensaktionen.

Seit Jahrzehnten arbeitete er im Rahmen der Front l’Indépendance (F.I.) für die Erinnerung an den antifaschistischen Kampf und die Bewahrung des historischen Gedächtnisses an die Okkupation Belgiens.

Im Rahmen der antifaschistischen Erinnerungsarbeit trug er viele Jahre die Verantwortung für das „Widerstandsmuseum“ in Brüssel und arbeitete im Aufsichtsrat des „Institut des Vétérans“. Auf dem 13. Kongress der FIR in Berlin 2004 wurde er zum Präsidenten der Organisation gewählt.

Trotz seines hohen Alters und gesundheitlicher Probleme füllte er diese Aufgabe mit großem Engagement und Ideenreichtum aus. Auf seine Initiative gingen die Konferenz der FIR in den Räumen des Europäischen Parlaments und die Vorbereitung und Umsetzung des großartigen Internationalen Jugendtreffens 2008 in Buchenwald zurück. Er regte weitere Projekte an, die die Lebendigkeit der Organisation und ihre Verbundenheit mit den heutigen Generationen bewiesen.

Für seine politische und historische Arbeit erhielt er zahlreiche belgische und internationale Auszeichnungen. Wir verlieren mit ihm einen Präsidenten, der sich mit hoher persönlicher Autorität und großem Engagement für die gemeinsame Sache aller antifaschistischen und Veteranenorganisationen einsetzte.

Er verband eine klare politische Überzeugung mit der Fähigkeit, Brücken zu allen demokratischen Kräften zu bauen. Wir verdanken ihm viel und werden ihn sehr vermissen. Unser tiefes Mitgefühl gilt seiner Frau und langjährigen Kampfgenossin Marie-Louise und seiner Familie. Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren.

Die Rede von Gisa Marschefski, Karfreitag 2010

Sehr verehrte Angehörige der Mordopfer des Naziregimes,
sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Jörder,
lieber Kamerad Jean Chaize,
verehrte Anwesende!

Erneut erinnern wir an dieser denkwürdigen Stelle an die Ermordung von beinahe 300 Frauen und Männern aus sieben Nationen Europas. Sie alle waren Gegner des Hitlerregimes. Gegner der massenhaften Vernichtung jüdischer Menschen. Gegner des fürchterlichen Raubkrieges, den die Hitlerwehrmacht in beinahe allen Ländern Europas geführt hat. Millionen und Abermillionen Menschen sind diesem von Deutschland begonnenen und bis zum bitteren Ende geführten Krieg zum Opfer gefallen.

Noch in der Endphase dieses massenmordenden Krieges der Nazis, also vor 65 Jahren, wurden die, derer wir heute gedenken, von den Bestien der Hörder Nazigestapo durch Genickschuss ermordet. Bei Nacht und Nebel wurden sie an die Bombentrichter der Bittermark, des Rombergparks und nahe des Hörder Bahnhofs getrieben und auf bestialische Weise umgebracht und verscharrt. Wenige Tage nach der Befreiung vom Hitlerregime fand man ihre Leichen in den Bombentrichtern in diesen Wäldern.

Nicht nur hier, auch an zahlreichen anderen Orten unseres Landes geschahen ähnliche Verbrechen. Wohl nicht mehr auf einen „Endsieg“ hoffend, wollten die Verbrecher des Nazireiches Zeugen ihrer furchtbaren Grausamkeiten zum Schweigen bringen, sie als Mitgestalter Nachkriegsdeutschlands ausschalten und sich selber vor einer Bestrafung retten.

Das beeindruckende Mahnmal, vor dem wir stehen, wurde vor 50 Jahren errichtet. Es soll die Menschen für immer an die grausame Geschichte des Nazireiches in Dortmund und der Welt erinnern. Es mahnt uns, so etwas nicht noch einmal zuzulassen.

Wenn man die Geschichte unseres Landes kritisch betrachtet, muss man zu dem Schluss kommen, dass die Absichten der Mörder in bestimmter Weise gelungen sind. Das zeigt uns der im Jahre 1952 in Dortmund durchgeführte Prozess wegen der Rombergparkmorde mit seinen milden Urteilen. Das beweist auch die misslungene Vernichtung des gesamten Nazisystems, wie sie etwa die Häftlinge von Buchenwald in ihrem nach der Befreiung geleisteten „Schwur von Buchenwald“ gefordert haben.

65 Jahre ist es her, dass mein Vater Erich Mörchel mit seinem Bruder und den 300 Frauen und Männern hier in diesen Wäldern ermordet und verscharrt wurden. Wenn ich versuche, mir vorzustellen, was mein Vater, was seine Kameradinnen und Kameraden angesichts der heutigen politischen Situation sagen würden, so kämen sicher ernste Mahnungen an uns alle aus ihren Mündern. Es ist für mich unvorstellbar, dass Vater „Ja“ sagen würde zu der Beteiligung deutscher Soldaten an den Kriegen in der Welt. Er würde sagen: „Macht Schluss mit den Kriegseinsätzen in Afghanistan und anderen Ländern der Welt! Krieg darf kein Mittel der Politik sein!“

Arbeit, Brot und Völkerfrieden, das war meines Vaters und seiner Freunde Welt. Dafür haben sie sich eingesetzt und diesen Einsatz mit ihrem Leben bezahlt. Handeln wir in ihrem Sinne, fordern wir unüberhörbar: „Schluss mit dem Einsatz deutscher Waffen und Soldaten!“

Und was würden uns die beiden hier ermordeten jüdischen Frauen sagen, die getötet wurden, weil sie Jüdinnen waren? Ganz sicher würden sie mit uns fordern: „Schluss mit Antisemitismus und ausländerfeindlicher Propaganda! Schluss mit Aktivitäten und Schmierereien an den jüdischen Friedhöfen und anderen Stellen!“

Was würden mein Vater und seine ermordeten Kolleginnen und Kollegen aus den Gewerkschaften sagen, wenn sie erleben müssten, dass Gewerkschaftsdemonstrationen, wie am 1. Mai 2009 in Dortmund geschehen, von Nazi-Kolonnen gewalttätig angegriffen werden? Aus bitterer Erfahrung würden sie uns zurufen: „Wehrt Euch, leistet Widerstand gegen den Nazismus hier in diesem Land.“ Und sie würden sagen: „Sorgt dafür, dass die neonazistische NPD endlich verboten wird und damit ein bedeutender Schritt getan wird zur Beseitigung von Ausländerfeindlichkeit und Rassenhass!“

Verehrte Anwesende, die demokratischen Kräfte, die in Dortmund Widerstand gegen Nazismus in seinen verschiedenen Formen leisten, werden stärker. Das ist begrüßenswert und sollte von allen demokratischen Kräften, den Parteien und Organisationen unterstützt werden. Nicht wenige Initiativen entstehen an Dortmunder Schulen. So können wir heute bei dieser Kundgebung Schülerinnen und Schüler der Theodor-Heuss-Realschule erleben, die ich gerne und herzlich begrüße.

Ähnliches gilt für die Naturfreundegruppe Kreuzviertel. Auch in diesem Jahr haben sie zum „Heinrich-Czerkus-Gedächtnislauf“ aufgerufen. Mit diesem Lauf gedenken sie des Mannes, der aktiv bei Borussia Dortmund tätig war und wegen seiner antifaschistischen Arbeit von der Gestapo ermordet wurde.

Im Namen des Internationalen Rombergparkkomitees möchte ich mich bei den genannten Initiativen, aber auch bei den vielen ungenannten Unterstützerinnen und Unterstützern dieser Veranstaltung bedanken.

Liebe Kundgebungsteilnehmer, ich rufe Sie alle, insbesondere aber die Dortmunder Parteien, Organisationen und Verbände auf, das Gedenken an die Opfer der Hitler-Diktatur zu unterstützen. Zeigen wir uns der Ermordeten würdig, folgen wir gemeinsam ihrer Mahnung:

Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!


Die Rede von Bürgermeisterin Birgit Jörder, Karfreitag 2010

Sehr geehrte Frau Marschefski,
sehr geehrter Herr Chaize,
sehr geehrter Herr Delarue,
liebe Freunde und Gäste aus dem In- und Ausland,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

fünfundsechzig Jahre nach den Gräueltaten der Gestapo und der SS gedenken wir heute der dreihundert ermordeten Männer und Frauen. Ihr Tod war grausam und sinnlos. Kurz vor Kriegsende zeigten der Nationalsozialismus und diejenigen, die in seinem Sinne handelten, noch einmal ihre wahren, abscheulichen Gesichter. Menschen wurden damals gefoltert und ermordet, Familien wurden zerstört.

Leider wurden die Mörder für ihre Taten nur sehr unzureichend bestraft. Sie hatten unendliches Leid verursacht, und doch musste sich nur ein Teil der Täter dafür vor Gericht verantworten. Nach heutigen Maßstäben gemessen, fielen die Strafen recht milde aus; wegen Mordes wurde jedenfalls keiner verurteilt. Ich finde den Gedanken, dass die Mörder den Krieg überlebten und die meisten danach als scheinbar „normale“ Bürger ein unbehelligtes Leben führten, nur schwer erträglich. Die Toten und deren Angehörige wurden durch diese Vorgänge, nach meiner Meinung, erneut zu Opfern gemacht.

Dieser Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte ist für mich ein Makel, den wir heute leider nicht mehr ungeschehen machen können. Und so sehr ich entsprechende Strafprozesse, wie jetzt in Aachen gegen den ehemaligen SS-Mann Boere, gutheiße, so kommen sie eigentlich viel zu spät. Heute jedoch, an diesem Gedenktag, können wir den Opfern des Nationalsozialismus, den Getöteten, den Verschleppten und den Gefolterten, durch unser Erinnern und unser Versprechen, alles dafür zu tun, dass sich ein solches Unrecht nicht wiederholen wird, ein Stück Gerechtigkeit verschaffen.

Deshalb ist das Karfreitaggedenken hier am Mahnmal in der Bittermark für mich kein bloßes Ritual. Es ist mir ein persönliches Anliegen, und ich bin jedes Mal sehr berührt, wenn ich Menschen begrüßen darf, die damals selbst Opfer von Zwangsdeportationen waren oder deren Angehörige hier ermordet wurden. Für mich ist deren Teilnahme an der Gedenkveranstaltung nach den Verbrechen, die hier begangen wurden, nicht selbstverständlich. Und schon gar nicht selbstverständlich ist es, dass diese Menschen uns Deutschen die Hand zur Versöhnung gereicht haben.

Der Ehrenpräsident des Verbandes der französischen Zwangs- und Arbeitsdeportierten, Herr Jean-Louis Forest, hat diese große Geste einst treffend in die Worte: „Niemals vergessen – Freundschaft!“ gekleidet. Ich werte es als einen besonderen Ausdruck dieser festen Freundschaft zwischen unseren Nationen, dass Herr Delarue als Vertreter der französischen Regierung heute extra aus Paris angereist ist, um uns und der Gedenkfeier die Ehre zu geben.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, vor fünfzig Jahren wurde das Mahnmal in der Bittermark eingeweiht, und so scheint mir heute der richtige Zeitpunkt zu sein, einige ganz besondere Menschen zu würdigen. Die Mehrheit unserer heute anwesenden französischen Gäste war damals vor 65 Jahren selbst Opfer von nationalsozialistischer Verschleppung und Zwangsdeportation.Sie haben diese Gräueltaten glücklicherweise überlebt und sind seit fünfzig Jahren stets zu uns in die Bittermark gekommen, um ihrer ermordeten Kameradinnen und Kameraden zu gedenken. Im Laufe der Jahre sind durch diesen Kontakt viele Freundschaften entstanden. Freundschaften, die maßgeblich zu einer Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland beigetragen haben. Dafür danke ich unseren französischen Gästen aus vollem Herzen, denn sie haben uns gezeigt, wie man die eben zitierten Worte von Jean-Louis Forest leben kann.

Gisa Marschefski, meine sehr geehrten Damen und Herren, hat bei dem Massaker vor fünfundsechzig Jahren ihren Vater und ihren Onkel verloren. Seit der Einweihung des Mahnmals hat sie nicht nur an jeder Gedenkveranstaltung teilgenommen, sondern zudem in ihrer Position als Generalsekretärin des Internationalen Rombergpark-Komitees in den ganzen Jahrzehnten viel dafür geleistet, die Verbrechen der Nationalsozialisten aufzuarbeiten und nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Engagierte Personen wie Gisa Marschefski haben sehr dazu beigetragen, dass Nationen und Volksgruppen, die unter der deutschen Nazi-Diktatur unvorstellbares Leid erfahren mussten, zur Versöhnung bereit waren. Für dieses Engagement gebührt ihr unser aller Dank und unsere Anerkennung.

Zuletzt möchte ich Wolfgang Asshoff meinen herzlichen Dank für fünfzig Jahre hervorragendes Engagement für das Karfreitaggedenken aussprechen. Seit 1960 betreut er unsere französischen Gäste, und seit mehreren Jahren moderiert er in ruhiger und besonnener Art die Gedenkveranstaltung. Es gibt immer Menschen, die eine solche Veranstaltung prägen. Wolfgang Asshoff hat einen großen Anteil daran, dass aus einer kleinen Gedenkstunde eine internationale Gedenkfeier wurde. Als Erbe hat er uns eine schöne und umfangreiche Dokumentation aller Karfreitaggedenken von 1945 bis 2009 vermacht. Auch dafür sage ich nochmals: „Danke, Wolfgang Asshoff!“

Dass dieser Einsatz von den eben Genannten und anderen verdienten Personen, die ich an dieser Stelle gar nicht alle aufzählen kann, nicht umsonst war, sondern Früchte trägt, zeigt mir die erneut große Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern an der heutigen Feier. Besonders freue ich mich darüber, dass sich mit den Schülerinnen und Schülern der Theodor-Heuss-Realschule, die ich ebenfalls herzlich begrüße, wieder junge Menschen mit dem Themen Nationalsozialismus und Rechtsradikalismus intensiv beschäftigt haben. Ich bin sehr gespannt auf ihre Darbietung, die das Ergebnis ihrer Auseinandersetzung mit diesem Themenfeld eindrucksvoll widerspiegeln wird.

Nationalsozialismus und Rechtsradikalismus, meine sehr geehrten Damen und Herren, haben leider nach wie vor, auch in Dortmund, eine hohe Aktualität. Es handelt sich dabei immer noch um eine ernstzunehmende Gefahr, der wir konsequent und mit allen Mitteln des Rechtsstaats entgegentreten müssen. Doch dies alleine wird nicht ausreichen. Wir als Demokraten müssen aktiv und persönlich für unsere Werte einstehen. Wir sollten uns immer vor Augen führen, dass unser Leben und unsere Freiheit nicht selbstverständlich sind. Demokratie, Toleranz und Freiheit müssen erlernt, gepflegt und, wenn nötig, auch verteidigt werden. Die Ereignisse der letztjährigen 1.-Mai-Kundgebung des DGB haben mir klar gezeigt, dass eine Demokratie sich auch wehren muss.

Es ist die Aufgabe von uns allen, die richtigen Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Wir dürfen es nicht zulassen, dass sich nationalsozialistisches Gedankengut, Rassismus und Antisemitismus, also Ausgrenzung, Unterdrückung, Deportation und Vernichtung, jemals wiederholen. Und wenn wir Werte wie Freiheit, Demokratie, Menschenrechte und Menschenwürde wirklich leben und Solidarität und Zivilcourage in unserer Gesellschaft fördern, dann sind wir – daran glaube ich fest – auf dem richtigen Weg.